Umbrüche gestalten: Germanistik in bewegter Zeit
Internationale Konferenz

13.-16. September 2017, Santiago de Compostela, Spanien



Michaela Holdenried
Michaela Holdenried ist Professor für Neuere deutsche Literatur und interkulturelle Germanistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und außerordentlicher Professor an der Universität Stellenbosch, Südafrika. Sie studierte deutsche Literatur, Politikwissenschaften, Geschichte und Lateinamerikanische Literatur und Kultur an den Universitäten Tübingen und Berlin. Sie promovierte und habilitierte im Bereich der Neueren deutschen Literatur an der Freien Universität Berlin. Seit 2016 leitet Sie die Abteilung Neuere Deutsche Literatur der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und ist Prodekanin der Philologischen Fakultät seit 2013. Zwischen 2002 und 2009 erhielt sie Gastprofessuren an den Universitäten Stellenbosch, Capetown, Wien, Atlanta und am Lafayette College, Easton, PA. Sie ist Mitglied des Südafrikanischen Germanistenverbandes und der Gesellschaft für Interkulturelle Germanistik. 2013 - 2014 war sie Internal Senior Fellow am Freiburg Institut for Advanced Studies (FRIAS) und 2015 wurde ihr ein Stipendium am historisch-kulturwissenschaftlichen Forschungszentrum (HKFZ) der Universität Trier erteilt. Ihre Forschung konzentriert sich auf Darstellungen von Alterität, Reisedokumentation, Identität und Gedächtnis sowie auf autobiographischem Schreiben.

Krisen und Katastrophen. Überlegungen zu einer Literaturgeschichte des Risikos

Der Ausgangspunkt der Überlegungen ist, dass jede Zeit ihre Extremereignisse und deren Risiken in spezifischer literarischer Form verarbeitet. Unabhängig davon existieren Muster wie das Narrativ der Apokalypse, die als abrufbereite überzeitliche Darstellungsformen auf nicht mehr beherrschbar erscheinende Makro-Risiken verweisen und diese qua Ästhetisierung zugleich in das Diskursreservoir einer Gesellschaft einspeisen. Eine Literaturgeschichte des Risikos müsste diese Prozesse im Einzelnen beschreiben. Dazu soll der Vortrag Anregungen bieten.




Manuel Maldonado Alemán
Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte an der Universität zu Köln. Seit 1996 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Sevilla. Forschungsprojekte zur deutschen Literatur nach der Vereinigung und zum Themenfeld Gedächtnis und Literatur. Buchpublikationen und zahlreiche Aufsätze zur deutschsprachigen Literatur des 19.-21. Jahrhunderts. Forschungsschwerpunkte: Expressionismus und Dadaismus, deutschsprachige Gegenwartsliteratur, literarische Erinnerungsdiskurse und Identitätskonstruktionen.

Die Dekonstruktion von Essentialismen. Transkulturelle Verflechtungen in Robert Menasses Die Vertreibung aus der Hölle

Robert Menasses Die Vertreibung aus der Hölle (2001) ist ein mehrschichtiger Roman, der zwei Lebensgeschichten quasi simultan darstellt, die zahlreiche Parallele aufzeigen, obgleich mehr als dreihundert Jahre zwischen ihnen liegen. Es handelt sich einerseits um die reale Biografie des Amsterdamer Rabbiner Samuel Manasseh ben Israel, der als Manoel Dias Soeira 1604 in Lissabon geboren wird und 1610 mit den Eltern und der Schwester nach Amsterdam flüchtet, da die Familie zu den sogenannten Marranen gehört, die ihren jüdischen Glauben aus Furcht vor der Inquisition verbergen muss. Paral-lel dazu wird andererseits die fiktive Lebensgeschichte des Wiener Historikers und Spinoza-Forschers Viktor Abravanel ausgeführt, der eigentliche Protagonist des Ro-mans, der am 15. Mai 1955 während der Gründung der Österreichischen Republik geboren wird. Anhand der Rekonstruktion beider Lebensgeschichten werden kulturelle Essentialismen infrage gestellt und die Prädominanz der Differenz hervorgehoben. Ins-besondere werden homogenisierende, essentialistische Identitätszuschreibungen prob-lematisiert, die auf binären, dualistischen Denkmodellen basieren. Die Biografien von Manasseh und Abravanel zeigen, dass Identitäten keine homogenen, fixierten Gebilde sind, die ein- und für allemal gegeben sind, sondern ein unabschließbarer Prozess der Identifikation des Eigenen und der Abgrenzung von Anderen. Identitäten erweisen sich als Resultat kultureller Verbindungen und Kreuzungen, als ein Gewebe von Differen-zen, die zwischen verschiedenen Positionen schweben und auf unterschiedliche kultu-relle Traditionen zurückgreifen. Der Beitrag untersucht die in Die Vertreibung aus der Hölle dargelegte Dekonstruktion von kulturellen bzw. identitären Essentialismen.


Christiane Nord
Dipl.-Übersetzerin Spanisch/EnglischVolkswirtschaftslehre, Dr. phil. in Romanischer Philologie, Habilitation in Angewandter Übersetzungswissenschaft und Übersetzungsdidaktik. Seit 1967 in Heidelberg, Wien, Hildesheim, Innsbruck und Magdeburg (1996-2005) in der Übersetzerausbildung und -fortbildung tätig. Gastdozenturen in Europa, Amerika, Asien und Afrika. Ca. 200 Publikationen zum "Funktionalismus" in Übersetzungstheorie, -methode und -didaktik. Seit 2007 a.o. Prof. der University of the Free State, Bloemfontein, Südafrika, und Mitglied der "Flying Faculty" der Deutsch-Jordanischen Hochschule/German-Jordanian University (GJU) in Amman, Jordanien.

Fremdheit oder Befremdlichkeit? Was Anredeformen in der literarischen Übersetzung bewirken(können)

Die Übersetzung eines literarischen Werkes soll, so hört man immer wieder, dem Zielpublikum einen Eindruck von der "Fremdheit" der anderen Kultur vermitteln. Warum hat man aber etwa bei Übersetzungen fiktionaler Dialoge aus dem Spanischen oft eher ein Gefühl von "Befremdlichkeit"? Reden Menschen in Spanien oder Hispanoamerika wirklich so merkwürdig miteinander?

Nun sind ja Dialoge in fiktionalen Werken kein Transkript von realen Gesprächen. Aber bei der Lektüre nicht-übersetzter deutscher Romane wirken die Dialoge doch in aller Regel natürlich und lebendig, "als ob" sie real wären. Anhand eines Dreier-Vergleichs von spanischsprachigen Romanen und ihren deutschen Übersetzungen mit deutschsprachigen Originalen soll gezeigt werden, warum die wörtlichen Übersetzungen von Anredeformen kein geeignetes Mittel zur Darstellung von "Fremdheit" sind, sondern in ihrer Befremdlichkeit die fremde Kultur der Lächerlichkeit preisgeben.




Norbert Fries
Promotion in Germanistik, Philosophie, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Universität zu Köln 1981; Habilitation Universität Tübingen (Kontrastive Studien zum Deutschen und zum Neugriechischen). Akademische Positionen: Lehrstuhl Syntax, Humboldt-Universität zu Berlin 1993-2015; Professor für Deutsche Sprache, Literatur und Deutsch als Fremdsprache, Georg-August Universität Göttingen 1989-1993; Gastprofessuren, u.a. in China, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Japan, Polen, Spanien, Türkei. Mitgründungen und Vorsitze: u.a. Akademie am Oberuckersee e.V. 2000; Ost-West-Gesellschaft e.V. 2001; Interdisziplinäres Zentrum für sprachliche Bedeutung 2005. Diverse Drittmittelprojekte (u.a.): Sprache und Pragmatik (Lund 1987-2006); Japanisch-deutsches Wörterbuch 1999-2001; Sprechtempoinduzierte Aussprachevariation und deren hörerseitige Verarbeitung 2000-2001; Ost-West-Kolloquien für Sprachwissenschaft: Sprachen des Ostens - Sprachen des Westens 2000-2003; Kleeblatt-Zusammenarbeit zwischen Universität und Schulen, 2003-2015;

SPRACHLICHE BEDEUTUNG IM KONTEXT. Unterspezifizierung und Spezifikation am Beispiel emotionaler Bedeutungen

Der Beitrag thematisiert die Systematik der Interpretation sprachlicher Äußerungen im Hinblick auf emotionale Bedeutungen.
Gemäß einer minimalistischen Bedeutungsauffassung wird die Bedeutung natürlich- sprachlicher Ausdrücke als unterspezifiziert expliziert, das heißt, sie wird als Spezifikation lexikalisch determinierter Bedeutungen auf der Basis grammatisch, transgrammatisch und intertextuell bedingter Interpretationsroutinen erfasst. Die jeweiligen Interpretationsroutinen erfordern unterschiedliche Informationen, wobei die betreffenden Beschreibungsebenen verschiedenartige Methoden involvieren, unter anderem sprach-, literatur- und medienwissenschaftliche.
Die Besonderheit emotionaler Bedeutungsaspekte einer Äußerung liegt darin, dass sie im Allgemeinen auf seelische Empfindungen des Äußernden Bezug nehmen. In sprachwissenschaftlicher und semiotischer Hinsicht können dementsprechend Emotionen als Prädikationen aufgefasst werden, welche einem Empfindungsträger die Eigenschaft eines spezifischen subjektiv-psychologischen Erlebens und motorischen Verhaltens unter bestimmten situativen Bedingungen zuweisen. In einer solchen Prädikation ist der Experiencer dasjenige semantische Argument, welchem das durch diese Prädikation charakterisierte psychische Erleben zugeschrieben wird, der Stimulus dasjenige semantische Argument, welchem durch diese Prädikation die Eigenschaft zugeschrieben wird, Auslöser bzw. Ziel des betreffenden psychischen Erlebens zu sein.
Entsprechende Interpretationsergebnisse von Äußerungen werden als E(motionale)- Implikaturen aufgefasst. E-Implikaturen erfüllen, abhängig vom sprachlich realisierten Material, die Kriterien für konventionelle oder für konversationelle (pragmatische) Implikaturen. Sie erfordern gegebenenfalls Informationen über Lexemeigenschaften, über die grammatische Strukturbildung, über phonetische (rhythmische, prosodische) und orthografische Formen, über die Text- bzw. Gesprächsstrukturierung und über nicht-sprachliche Ausdrucksformen (wie Mimik, Gestik, Körperhaltung, Körperabstand, Textdesign usw.) sowie über Rezeptions- und Äußerungssituationen.
Die vorgestellten theoretischen Annahmen werden in einer exemplarischen Analyse einer Filmsequenz aus Werner Herzogs Woyzeck (1979) im Verhältnis zu Georg Büchners gleichnamigem Drama verdeutlicht.




Javier Orduña
Javier Orduña, Professor für Deutsche Sprache und Literatur, Universitat de Barcelona 1985 promovierte er mit einer Arbeit zum Thema Kulturwelten im Kontakt (Rezeption deutschsprachigen Theaters in Spanien). Er übersetzte Klassiker der deutschen Literatur bzw. Literaturtheorie ins Spanische (Kleist, Roth, Szondi u.a.) und beteiligte sich über lange Zeit an Aktionen zur Förderung des Deutschunterrichts bzw. der Normalisierung von Zweitfremdsprachen in Spanien. In den letzten zehn Jahren setzte er sich vorwiegend mit Fragen des Fremdsprachenerwerbs bei Erwachsenen auseinander. Dabei stand die Betrachtung sprachtypologischer Ansätze, wie sie sich zwischen silben- (Spanisch u.a.) und wortrhythmischen Sprachen (Deutsch, Chinesisch u.a.) ergeben, im Mittelpunkt seiner Untersuchungen. Zuletzt wirkte er an einem EU-Projekt mit, das sich auf die Beobachtung konversationeller Strategien in telekollaborativer Umgebung bei Lernenden von Deutsch, Chinesisch bzw. Spanisch als Fremdsprache konzentrierte. Im Mai 2017 übernahm er die örtliche Leitung des Konfuzius-Instituts in Barcelona.

Der Unterricht von Zweitfremdsprachen aus spanischer Sicht. Aussichtsreiche Widersprüche

Im spanischen Bildungssystem besteht in Bezug auf den Unterricht von Zweitfremdsprachen in der Sekundarstufe ein brisanter, seit 2006 stets zunehmender Widerspruch. Zweitfremdsprachen werden in den ersten vier der insgesamt sechs Klassen der Sekundarstufe gefördert, also in den vier Jahren der obligatorischen Sekundärausbildung (ESO). Danach aber werden sie ab der 5. Klasse (erstes Jahr Bachillerato) plötzlich abgebaut und in der 6. (zweites Jahr Bachillerato) verschwinden sie sogar gänzlich. In der Selectividad-Prüfung, einer Art Aufnahmeprüfung der Hochschulen, die in Spanien die Rolle eines Schulabschlusses, ähnlich dem Baccalauréat bzw. dem Abitur, übernimmt, spielen sie dann letztendlich überhaupt keine Rolle mehr. Der Widerspruch ist sogar dort noch eklatanter, wo Schulen die Gelegenheit wahrnehmen, bereits vor der Sekundarstufe mit der zweiten Fremdsprache anzufangen, nämlich ab der 5. Klasse der Primarstufe, d.h. bei zehnjährigen Schülern. Zweimal in den letzten Jahren (2006, 2013) haben unterschiedliche Zentralregierungen versucht, den Empfehlungen des Europäischen Ministerialrates (Barcelona 2002) bezüglich Zweitfremdsprachen nachzukommen. Nur so lassen sich die eindeutigen Fortschritte im Primärbereich sowie im ersten Abschnitt der Sekundarstufe hinsichtlich des steigenden Angebots erklären. Der ganze Aufwand scheint jedoch umsonst, da Zweitfremdsprachen bei der Selectividad, dem Schlüsselmoment des ganzen Bildungssystems, auf den offensichtlich ein Großteil aller Bemühungen ausgerichtet sind, ja überhaupt keine Rolle spielen. Dieser Zustand wiederum wird sich nicht ändern, solange die Zweitfremdsprachen nicht als Wahlpflichtfächer der Bachillerato-Module angesehen werden (d.h. natur-, geistes- und sozialwissenschaftliches sowie Kunst-orientiertes Modul). Es ist höchste Zeit, dass sachliche Maßnahmen hierzu getroffen werden. Verschiedene Universitäten und Verbände fordern nun vom Ministerium, dass die dazu nötigen gesetzlichen Regelungen beschlossen werden. Dies würde nicht nur im Einklang mit den Zielsetzungen der Gesetze aus den Jahren 2006 und 2013 hinsichtlich der Förderung von Zweitfremdsprachen sowie der Autonomie der einzelnen Schuleinrichtungen stehen, sondern es würde gerade noch rechtzeitig ermöglichen, dass die bereits sich anbahnenden, Finanzierungsvorhaben entsprechend den aktuellen Bedingungen umgesetzt werden, also nicht als eine automatische Fortsetzung von Richtlinien von vor zwanzig, dreißig Jahren. Im Beitrag werden unterschiedliche Einzelheiten zu dieser Herausforderung dargelegt und unter Rückgriff auf Eurydice-Bestandsaufnahmen ein kursorischer Vergleich mit ähnlichen Bemühungen im heutigen Europa unternommen.




Marisa Siguan
Marisa Siguan ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Barcelona. Sie studierte Hispanistik und Germanistik an der Universität Barcelona und promovierte 1983 über die Rezeption von Ibsen und Hauptmann in der katalanischen Jahrhundertwende. Seit 1991 hat sie den Lehrstuhl für Deutsche Philologie (Literaturwissenschaft) an der Universitat de Barcelona inne. Frau Prof. Siguan war als Gastprofessor an den Universitäten Trier, Wien, Freiburg, Würzburg, Zürich, Roma III, Queen Mary-University of London, University of Wisconsin - Madison tätig. Sie hat ebenfalls zahlreiche Vorträge als Gastwissenschaftlerin in Deutschland, Spanien, Italien, England und Argentinien erteilt. Zur Zeit ist Sie Leiterin des Forchunsgsprojektes "Ex patria: exilios, destierros y destiempos en las literaturas alemana e hispánica" vom spanischen Kultusministerium gefördert - FFI2013-44387-P -. Sie ist Gründungspräsidentin der spanischen Goethe-Gesellschaft und Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirates des Instituts für Deutsche Sprache. 2013 wurde sie ebenfalls Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2012 und 2014 führte sie Forschungsaufenthalte als External Senior Fellow im Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) und am Internationalen Kolleg Morphomata Köln durch. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die vergleigenden Literatur (Spanisch-Deutsch) des 19. Und 20. Jahrhunters, die Literatur de Moderne und die Beziehung zwischen Literatur und Erinnerung an Gewalt.

Jean Amérys Charles Bovary, Max Aubs Rabe Jacobo: Über Schreiben, Überleben und Tradieren

In seinem letzten Werk, Charles Bovary Landarzt, setzt sich Améry mit Flaubert auseinander und schreibt einen Roman der zwischen Roman und Essay steht, der Charles Bovary ins Zentrum rückt und ihn neu denkt. Max Aub benutzt die Figur des Raben Jacobo um in Manuscrito Cuervo das Lager Vernet, wo er interniert war, und die Welt als Lager zu beschreiben; man kann an einen Bezug zum esperpento denken. Beide Autoren setzen sich mit der literarischen Tradition auseinander um das eigene Überleben zur Literatur bringen zu können. Wie machen die Autoren es? Braucht man Fiktion um zu erinnern? Kann man den Begriff Autofiktion ins Spiel bringen? Améry dokumentiert mit seinem Schreiben den Massenmord an den europäischen Juden, Aub die Deportation der spanischen Republikaner nach dem Bürgerkrieg: beide schreiben aus dem eigenen Erleben und stehen für eigene, sehr unterschiedliche Erfahrungen. Beim Vergleich muss man jeder einzelnen gerecht werden. Auch in der Konfrontation mit der literarischen Tradition zeigen sich Unterschiede. Dabei ist aber bei beiden die Tradition sowohl ein Gefängnis wie eine Möglichkeit des neuen Sagens. Um diese Möglichkeit geht es in meinem Vortrag.