Umbrüche gestalten: Germanistik in bewegter Zeit
Internationale Konferenz

13.-16. September 2017, Santiago de Compostela, Spanien

Abstracts



[Alphabetisch sortiert]

Roswitha Althoff
EOI Vigo
Sprachtypologie und Partikelverben im Anfängerunterricht
Da Partikelverben als kompliziert gelten, werden sie für gewöhnlich möglichst spät eingeführt, und dann gleich in Reihenbildung mehrere zu einem Grundverb. Dadurch verpasst man die Gelegenheit, diese Verbpartikel als Beispiel für die typische Struktur des Deutschen heranzuziehen. Denn während das Spanische auf dem Gebiet der Verbkonstruktionen einen besondern Reichtum aufweist, konzentriert sich im Deutschen vieles auf die Adverbien und auch Verbpartikel. Auch die Satzmelodie richtet sich danach. Wenn man den DeutschlernerInnen diese andere Satzstruktur möglichst früh klarmacht, muss das nicht zu kompliziert sein, denn schließlich werden die Adverbien weder konjugiert noch dekliniert. Es erleichtert jedoch ganz enorm das Erlernen der Satzstellung und Intonation.


Montserrat Bascoy Lamelas
Universidad de Alcalá de Henares
Migration und Identitätskonflikte in Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012)
Die Schriftstellerin Julya Rabinowich verwendet den Begriff "Umtopfung", um die Situation eines Kindes zu beschreiben, das aufgrund der Entscheidung ihrer Eltern zur Auswanderung - ohne an dieser Entscheidung teilnehmen zu dürfen und ohne die Konsequenzen der bevorstehenden Reise zu verstehen - die traumatische Erfahrung macht, dass es sich plötzlich in einem anderen Land, inmitten einer anderen, für ihn völlig neuen Kultur befindet. Ciara Conterno (2013) macht außerdem darauf aufmerksam, dass Migrantenkinder wegen dieser traumatischen Erfahrung und aus Überlebensgründen viel schneller als andere Kinder in ihrem Alter erwachsen werden müssen. Diese "Umtopfung" erzeugt oft negative Gefühle beim Kind, die manchmal, wie die Protagonistin aus dem Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) von Olga Grjasnowa zeigt, die Hinterfragung der eigenen Identität und die Ablehnung von identitätskonstitutiven Aspekten wie Religion oder Heimat bedeuten. Identitätskonflikte entstehen bei der Hauptfigur des Romans dann im Erwachsenenalter, wenn sie ein weiteres Trauma erlebt: Nach dem Tod ihres Freundes sieht sich Grjasnowas Protagonistin dazu gezwungen, sich mit Identitätsfragen und auf diese Weise nochmals mit der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren. Identitätskonflikte werden im Roman nicht nur durch die traumatische Erfahrung des Todes geweckt und in den Dialogen thematisiert, sondern ihre Wirkung auf den emotionalen und körperlichen Zustand der Protagonistin ist ebenso ein zentraler Aspekt der Ich-Erzählung. Der Identitätszerfall nach dem Umbruch im Leben der Protagonistin und die resultierende Hinterfragung der eigenen Identität werden immer wieder in Verbindung mit Kindheitserfahrungen sowie mit Fragen über Migration und über den Status als Migrant gesetzt. Das Interesse in meinem Beitrag liegt insbesondere bei den Identitätskonflikten der Hauptfigur im Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt sowie bei der Bedeutung der traumatischen Migrationserfahrung als "Umtopfung" für ihre Identitätskonstruktion.


Dominik Baumgarten
Leuphana Universität Lüneburg
(Digitale) Visualisierungsprozesse in zeitgenössischer Unterhaltungsliteratur
Literatur wird in der einschlägigen Forschung zumeist als genuin mündliche oder schriftliche Ausdrucksform angesehen, die mittels der Erschaffung sprachlicher Bilder eine spezifische Mentale Visualisierung auszulösen vermag. Visualisierungen von Literatur, etwa Theater oder Performance hingegen schaffen immer neue Bilder bekannter Inhalte. Zumeist unmittelbar in der literarischen Umgebung finden sich Visualisierungen auf dem Buchcover oder innerhalb der Publikation in Form von Illustrationen, im Falle von Sachbüchern darüber hinaus als Grafiken, Diagramme, Schemata, etc. In jüngster Vergangenheit - und begünstigt durch den allgegenwärtigen Digital Turn - vergrößert sich die Präsenz digitaler Publikationen auf dem Büchermarkt und vermehrt neben der reinen Verbreitung auch die Möglichkeiten der Autoren (Breitenbach: 2010). E-Books bieten zusätzliche dynamische Spielarten von Visualisierung an. In den Text eingebettete Bewegtbildformate, beispielsweise Moving Editorials, können so Teil des Textkörpers, des Supertexts (Fix: 2000) werden. Eine neue Form literarisch-visueller Kommunikation entsteht durch die Einbindung sozialer Medien. 2013 entwarf Torsten Rohde den fiktiven Charakter der "Online-Omi" Renate Bergmann. Bereits kurz nach Erstellung des Twitter-Accounts verfasste Rohde unter dem Pseudonym den ersten Roman mit Anekdoten aus dem Alltagsleben seiner Heldin. Diese Simulation visueller Kommunikation - von Renate Bergmann finden sich online zahlreiche gezeichnete Portraits, die das auf Twitter sowie in den Romanen beschriebene Geschehen illustrieren - verdeutlicht die Genese zeitgenössischer Unterhaltungsliteratur aus einem nicht zuletzt über visuelle Formen kommunizierenden Medium heraus. Im Umkehrschluss lässt sich eine Verbreitung literarischer Inhalte in visuelle Kontexte insbesondere dann beobachten, wenn Literatur zu Werbezwecken instrumentalisiert wird. Cathy's Book von Stewart, Weisman und Briggs wird von Procter&Gamble gesponsert und verweist weniger im orthographischen Textkörper des Romans als vielmehr in dessen visueller Umgebung auf die Produktpalette des Geldgebers. Die Hauptfigur ist ebenfalls umfangreich illustriert; neben Facebook werden Profile auf MySpace und YouTube unterhalten, wobei die dort verlinkten Querverweise im Sinne eines Hypertexts auf Produktwebseiten des Sponsors verweisen (Baumgarten: 2013). Unabhängig von der Intention, sei sie nun künstlerisch oder kommerziell geprägt, durchbricht die aktive Präsenz literarischer Inhalte in sozialen Netzwerken nicht nur die Grenzen zwischen den beteiligten Genres, sie erhöht vor allem die Sichtbarkeit der gezeigten (und somit visualisierten) Inhalte. Der geplante Vortrag untenimmt der Versuch eines Vergleichs der hier angesprochenen Formen von Visualisierung literarischer Inhalte im Kontakt mit digitalen Medien. Ein Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Reziprozität der beteiligten Medien mit dem Ziel der wechselseitigen Erhöhung von Sichtbarkeit und Anschaulichkeit.


Aleksandra Bednarowska
Uniwersytet Pedagogiczny Kraków
Raumkonstellationen in der jüdischen literarischen Diaspora - Lola Landau und Mascha Kaléko
Seit einiger Zeit wird das "nationale Model" als Organisationsprinzip und die Kategorie der Analyse der Literaturgeschichte in Frage gestellt, besonders im Fall von Diasporaliteratur, zu der die jüdische Literatur gehört. Lange Zeit wurden deutsch-jüdische Schriftsteller, die während der Zeit des Nationalsozialismus Deutschland verlassen mussten, fast ausschließlich im Kontext des Diskurses von Exil besprochen und die Autoren als heimatlose Außenseiter, die aus ihrer "kulturellen" und sprachlichen Heimat vertrieben wurden, behandelt. Statt die Wechselbeziehung zwischen der deutschen Kulturgeschichte, der Kultur des Exillandes und der transnationalen jüdischen Tradition zu analysieren, konzentrierte man sich auf den Verlust der Heimat, der Sprache und der Kultur. Wäre es aber nicht angebracht, die Literatur von deutsch- jüdischen Autoren und Autorinnen eher als transnationales Phänomen zu betrachten und zu argumentieren, dass die hybride Identität des Schaffenden und das Leben in der Diaspora, den wesentlichen Anstoß zum literarischen Schaffen geben? Dieser Aufsatz ist ein Versuch auf diese Frage zu antworten, dabei werden theoretische Ansätze von Thomas Nolden, Stuart Hall und Brian Cheyette und der Konzept von "Heterotopie" (M.Foucault) benutzt. Raumkonstellationen in den Werken von deutsch-jüdischen Schriftstellerinnen, wie Lola Landau und Mascha Kaléko bilden den Gegenstand der Untersuchung.


Carme Bescansa
Universidad del País Vasco
Wenn alles im Begriff ist, sich aufzulösen: Subjektivitätsversuche im Erzählband Nachtsendung von Kathrin Röggla (2016)
Die Schriftstellerin Kathrin Röggla gab ihrem letzten Erzählungsband (2016 veröffentlicht) den Untertitel "Unheimliche Geschichten". Dabei geht es um Momentaufnahmen des deutschen Alltags, in denen Schauriges und Altvertrautes zusammenschmelzen bzw. sich rasend abwechseln, und mit einer effektvoll eingesetzten Erzählhaltung, in der u.a. die Behandlung der Zeit und der sarkastische Ton bzw. der zumal schwarze Humor ein spezifisches Spektrum des Unheimlichen im Text mitgestalten. Die Autorin versucht in ihrem Werk die Sprache für die Darstellung der heutigen Realität zu finden "ohne das Fürchten zu verlernen" (vgl. Die Falsche Frage, von K. Röggla). Dabei lässt sich ein bemerkenswertes Paradox feststellen, das zugleich als Ausgangshypothese dieses Beitrags vorgeschlagen wird: Es geht in den Erzählungen um die Darstellung einer Welt, in der sich das Subjekt im Begriff der Auflösung oder zumindest der radikalen Infragestellung des Selbst befindet, und gleichzeitig wird diese bedrohliche und eben unheimliche Realität als eine zutiefst subjektive, in der jeweiligen Individualität verankerte. Mit anderen Worten wird eine zumal apokalyptische Vision vermittelt, die eigentlich nur im Inneren des wahrnehmenden Subjekts Konsistenz hat. Es gilt, dieser doppelbödigen Funktion der Subjektivität im oben erwähnten Erzählband nachzugehen, sowie die literarischen Strategien zu erkunden, die der unheimlichen Konstruktion des Ichs in Rögglas Erzählungen Rechnung tragen.


Gloria Bosch Roig
Universitat de les Illes Balears
Cultura digital, anglobalización y (post)filología: retos y reflexiones en torno a la germanística
En un mundo altamente digitalizado y globalizado el idioma inglés parece ser la clave, una llave universal para todo y todos, curiosamente los españoles nos referimos a esta herramienta multiusos como "llave inglesa", y sí, la metáfora es procedente, ya que en la actualidad el inglés es la lengua extranjera más estudiada y más hablada. El inglés era lengua franca en el siglo XX, en el presente s. XXI es, además, lengua digital, epistemológica o del conocimiento. En este contexto histórico marcado por la anglobalización avanzada y la digitalización de los procesos culturales cabe preguntarse qué papel desempeñan y desempeñarán las segundas lenguas y culturas en los ámbitos educativos universitarios. La necesidad de perfiles profesionales y académicos interdisciplinares, flexibles y adaptables señala el fin de las filologías tradicionales como ámbitos de estudio independientes y debidamente acotados. El prefijo "inter" nos revela aquí una nueva dirección en los estudios lingüísticos y literarios, más concorde con la realidad social que nos envuelve, caracterizada por una mayor interdisciplinaridad, interdependencia e interactividad, y por esta razón cabe preguntarse también qué futuro se augura a los estudios de germánicas actuales como disciplina histórica presente en numerosas universidades españolas.


Mireia Calvet Creizet
Universitat de Barcelona
Die Sprachen in der Sprache und über die Sprache korpusgestützt dokumentieren und zur Förderung von fachgerechten global tauglichen Diskursfähigkeiten anwenden
Der Vortrag will zeigen, wie sich durch den gesteuerten Einsatz von Korpora (sowohl von diachronen Korpora als auch von Korpora des Gegenwartsdeutschen) Methodenkompetenzen und Diskursfähigkeiten ausbilden lassen, die ein postnationales sprachgermanistisches Fachlernen in den Bereichen kulturgeschichtliche (sprachexterne) und systemlinguistische (sprachinterne) deutsche Sprachgeschichte unterstützen. Unter anderen geht es um die folgenden, dem Zeitalter der Globalisierung angemessenen Kompetenzen: Fremdverstehen von alt- bis frühneudeutschen und pluriarealen Wortschatzkonstellationen, Fremdverstehen von altdeutschen bis frühneudeutschen sowie von lokalen und globalen Diskurstraditionen, inter- und transkulturelle Sensibilisierung durch das Aufdecken von Spannungen zwischen innen- und au?en-/prä- und postgermanistischen Rezeptionssituationen, Förderung einer fachgerechten Diskurspartizipation an transnationalen Kommunikationsgattungen durch Studierende. Der Einsatz von Korpora entbindet das Auffinden von Belegen (sprachhistorische Daten) sowie ihre Interpretation vom deren angestammten Ort in den Handbüchern und in der Grammatikographie und eröffnet für sie neue diskursive Einbindungen. Exemplarisch soll das am Beispiel einer korpusgestützten Analyse von altdeutschen Belegen mit subordinierendem "und" einerseits und von Fachtexten über Satzverknüpfungen mit "und" in der Diachronie des Deutschen andererseits gezeigt werden. Die methodischen (korpus- und diskursanalytischen; Kroymann et al. 2004, Gardt 2007) und die diskursbefähigenden (Kintsch 1998; Christmann 2015) Aspekte des Didaktisierungsvorschlags sind jedoch auf etwaige Themen einer variationslinguistischen und kulturwissenschaftlichen diachronen Sprachgermanistik übertragbar


Shivani Chauhan
Bergische Universität Wuppertal
Die Entstehung der neuen Erinnerungsräume in der deutschsprachigen Migrantenliteratur am Beispiel von Katja Petrowskajas Vielleicht Esther
Im Anschluss an kritische Auseinandersetzungen mit der Erinnerungs-und Kulturpolitik unternimmt diese Forschung den Versuch, über die Rolle und Funktion der Jugendlichen aus dem Migrationshintergrund in die Gedächtniskultur und die Geschichte der Einwanderungsgesellschaft von Deutschland zu reflektieren. Infolge des Strudels der Migration werden die kulturübergreifenden Tendenzen und die unüberschaubare Komplexität der transnationalen Literaturbewegung zu den Hauptmerkmalen der interkulturellen Literatur avanciert. Insofern kreisen sich die Schlüsseltexte der Migrationsliteratur augenscheinlich um die erinnerungspolitischen Überlegungen und die damit verknüpfenden Themenkomplexen, die sich durch ihre sprachlich-kulturellen Besonderheiten und durch das verfügbare Inventar der betreffenden Kulturen auszeichnen. Aus dem Dickicht der Ansichten zu der multikulturellen, multisprachigen, mit ethnischer Vielfalt ausgestatteten Einwanderungsgesellschaft Deutschlands stellt sich die Tatsache heraus, dass ein großer Teil der Jugendlichen aus den Einwandererfamilien ihre persönliche Vorgeschichte, die den alten Generationen gehörende Vergangenheit, die jeweiligen kulturellen Erinnerungen und Gedächtnisse mit sich tragen, die sich von den deutschen Versionen der Geschichte und von den traditionellen Erinnerungen in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Zudem befinden sich diese Jugendlichen jedoch in einer Gesellschaft, in der Holocaust und NS-Vergangenheit als Grundnarrativ der Erinnerungskultur gelten. Vor dem Hintergrund der herrschenden Vergangenheitsdiskurse soll insofern der Kernfrage nachgegangen werden, welche Aussagekraft oder Signifikanz der Geschichte des Holocausts und der NS-Vergangenheit für die Jugendliche aus dem Migrationshintergrund innewohnt; oder welche Teilnahme deutsche Bürger nicht deutscher ethnischer Herkunft zur Erinnerungskultur bzw. zum kollektiven Gedächtnis oder zur deutschen Geschichte zu leisten vermögen; oder welche Position Sie innerhalb des Gebäudes der Erinnerungskultur Deutschlands einnehmen? In diesem Zusammenhang soll diese Forschung untersuchen; inwieweit diese AutorInnen aus dem Migrationshintergrund durch die Reflektionsräume ihrer konkreten Lebenserfahrungen und der kulturellen, sozialen und politischen Überlegungen aus den marginalen Nischen heraustreten können, und durch adäquate Formen des Erinnerns alte ,Zentrum' und ,Peripherie' Beziehungen aufzulösen und neue Verbindungen einzugehen vermögen.


Hendrik Cramer
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Subjektivitätskrisen und Identitätsbrüche im Prosawerk Franz Werfels
Wie in kaum einer anderen Zeit war die Bevölkerung des ehemaligen Habsburgerreiches nach dessen Untergang im Ersten Weltkrieg und der sich anschließenden Zerschlagung des Vielvölkerstaates einer identitären Krisensituation ausgesetzt. Neben der Auflösung des territorialen Heimatraumes ging mit dem Untergang der Donaumonarchie auch gleichzeitig ein kultureller Raum, eine ganze kulturell fruchtbare Epoche zu Ende. Die Nachwirkungen dieses auf vielfältige Weise in der österreichischen Literatur der 1920er- und 1930er-Jahre diskutierten Themas des Heimatverlustes und dessen Neu- bzw. Rekonstruktion in einer durch politische Extreme von links und rechts gekennzeichneten Zeit finden sich vor allem im Werk Joseph Roths, Robert Musils und Franz Werfels. Werfel, der von den gerade genannten Autoren die geringste Rezeption in der germanistischen Literaturwissenschaft erfahren hat, findet vor allem in seinem Prosawerk durchaus polyseme Antworten auf die Problemstellungen seiner Zeit. Es ist einerseits, ähnlich wie bei Roth und Musil, eine künstlerische Aufarbeitung der k. u. k.-Monarchie, andererseits aber auch eine Verhandlung des Topos ,Religion' und dessen Auswirkungen auf die Subjektbildung in der mit der Ersten Republik in Österreich einsetzenden Moderne. Konkret setzt sich Werfel dabei mit der von ihm als Vision heraufbeschworenen Koexistenz von Judentum und Christentum als sich gegenseitig bereichernden und in keinem Fall widersprüchlichen Konfessionen auseinander. Damit reagiert Werfel auf den bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts latenten Antisemitismus, der neben der labilen Politik des Kaisers Franz Josephs I. das Bild einer "Welt der Sicherheit", das Stefan Zweig in seinem Erinnerungsband "Die Welt von gestern" evoziert, konterkariert. Außerdem wird etwa in Werfels Roman "Der veruntreute Himmel" von 1939 die Frage aufgeworfen, wie in einer durch die Brüche der modernen Welt gekennzeichneten Zeit, das einzelne Subjekt zu einer Gläubigkeit und vor allem zur christlichen Erlösung im Himmelreich gelangen kann. Eine Pilgerfahrt nach Rom ist in diesem Roman die Antwort. Der Referent möchte an dieser Stelle sowohl nach der konkreten Ausgestaltungen einer Subjektbildung in einer von vielerlei Krisen gezeichneten Zeit fragen, als auch nach dessen Scheitern an zu vielen gegenläufigen zeitgenössischen Strömungen, wie sie ebenfalls in der österreichischen Literatur jener Jahre vorgeführt wird. Dass sich das Werk Werfels hierfür in besonderer Hinsicht eignet, liegt in dessen in beinahe einzigartiger Weise vollzogenen Verknüpfung von Religion als identitätsstiftender Konstante mit modernem Weltverständnis und zeitdiagnostischer Schärfe.


Renata Dampc-Jarosz
Schlesische Universität Katowice
Im Zwischenraum der Sprachen und Kulturen. Deutsch in der Grenzregion Oberschlesien einst und heute
Oberschlesien, das heutzutage hauptsächlich im südlichen Teil Polens liegt, ist eine besondere Region, deren Entwicklung seit dem 13. Jahrhundert von geschichtlichen und territorialen Bedingungen bestimmt ist. Die Grenzverschiebungen und der Wandel von staatlicher Zugehörigkeit machten Oberschlesien zum Grenzraum und verursachten, dass es in seiner Prägung gemischt blieb: polnisch, deutsch und tschechisch. Das 20. Jahrhundert und besonders die Festlegung neuer Grenzen nach dem Ersten Weltkrieg brachten für die Region neue Teilungen. In dem Vortrag soll auf die kulturelle Vielfalt Schlesiens eingegangen werden, auf die Koexistenz zweier Sprachen, der deutschen und der polnischen, die im schlesischen Ethnolekt ihre Ergänzung finden. Diese Vermischung von Sprachen wird zunächst anhand literarischer Texte aufgezeigt, die die innere Zerrissenheit der schlesischen Menschen dokumentieren. Der Fragestellung der Tagung folgend, wird die Position der deutschen Sprache vor 1945 und danach aus kulturhistorischer Sicht in Augenschein genommen und deren Wandel nach 1989 beleuchtet. Anschließend soll aufgezeigt werden, in wieweit sich der Gebrauch der deutschen Sprache unter dem Einfluss der neuen kulturellen Wirklichkeit verändert, und wie sich diese Wandlungsprozesse auf das Unterrichten der deutschen Sprache in Oberschlesien auswirken.


Leopoldo Domínguez
Universidad de Sevilla
María Cecilia Barbetta: Transliterarische Spaziergänge im deutschen Buenos Aires
María Cecilia Barbettas Debütroman "Änderungsschneiderei Los Milagros" (2008) ist ein Versuch, durch die deutsche Sprache die ursprüngliche Landschaft zu erkunden. Die Schrifstellerin argentinischer Herkunft zieht 1996 auf eigenem Wunsch nach Berlin. Dieses Werk entsteht aus einer persönlichen Krise. 2005 wird sie arbeitslos. Beim Radeln durch die Stadt denkt sie an ihr zurückgelassenes Leben in Buenos Aires. Es gelingt ihr nur, durch das Schreiben eine Schnittstelle zwischen der deutschen und der lateinamerikanischen Kultur zu bauen. Aus der Distanz der Fremdsprache unternimmt sie eine erfundene Entdeckungsreise, in der sie mit der eigenen Biographie spielt. Der Roman ist in Almagro angesiedelt. In diesem Stadtteil von Buenos Aires findet die Handlung von Cortázars Erzählung "Circe" statt, die mit Barbettas Geschichte und ihrer Hauptfigur zu verbinden ist. Die Änderungsschneiderei sowie die Straßen Almagros werden Treffpunkt verschiedener Zeiten und Lebensläufe, die sich im Barbettas Roman literarisch verknüpfen.

Dieser Beitrag wird vom spanischen Ministerio de Economía y Competitividad subventioniert im Rahmen des Forschungsprojekts "Topografías del recuerdo. Espacio y memoria en la narrativa alemana actual". (FFI2015-68550-P).




Irene Doval & Elsa Liste Lamas
Universidade de Santiago de Compostela / ZHAW
Parallelkorpora und Fremdsprachenunterricht
Umfangreiche Parallelkorpora sind nicht nur wichtige Datenquellen für linguistische Studien oder für die bilinguale Lexikographie, sondern können zudem erfolgreich als Unterstützung im Fremdsprachenunterricht mit fortgeschrittenen Lernern eingesetzt werden. Ziel des Vortrages ist es, einen Einblick in die vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten mit Parallelkorpora zu geben und praktische Anleitungen und Anregungen für deren Anwendung im Fremdsprachenunterricht anzubieten. Im Zuge dessen wird das zweisprachige Parallelkorpus Spanisch/Deutsch PaGeS (www.corpuspages.eu) vorgestellt, das aus einer Sammlung zeitgenössischer spanischer und deutscher Texte besteht. Nach einem kurzen Überblick über vorhandene Parallelkorpora Deutsch / Spanisch werden die einzelnen Arbeitsschritte der Korpuserstellung (Design, Aufbereitung der Texte, Metadaten und Alignierung) knapp beschrieben. Anschließend wird auf den Zugriff und die Visualisierung der Daten eingegangen und die verschiedenen Suchmöglichkeiten erläutert. Das Potenzial des PaGeS-Korpus wird exemplarisch anhand mehrerer korpusbasierter Übungsbeispiele zur deutschen Grammatik und zum Wortschatz verdeutlicht. Der Vortrag schließt mit einem Ausblick auf die im Rahmen der Korpuserstellung noch durchzuführenden Schritte.


Marta Fernández-Villanueva
Universitat de Barcelona
"Hay que aprender a llevarlo con elegancia": Emotionen in deutsch-spanischen transkulturellen Begegnungen am Arbeitsplatz
Die Beweglichkeit von qualifizierten Berufstätigen zwischen Deutschland und Spanien nimmt zu, sowie die Globalisierung der Firmenstrukturen, was eine dynamisch aktualisierte interkulturelle Kompetenz fordert, die Unternehmenskultur und Nationalkultur kritisch betrachtet und Rapport ermöglicht (Di Luzio, Günthner, & Orletti, 2001; Günthner, 2008; Holmes & O'Neill, 2012; Yousefi, 2014). Dabei spielen Emotionen eine äußerst entscheidende Rolle (Porter & Samovar, 1996; Peräkylä, Anssi; Sorjonen, 2012; Langlotz & Locher, 2013), die nicht einfach "neutralisiert" werden können. Bei den transkulturellen Praktiken in Gesprächen zwischen Deutschen und Spaniern am Arbeitsplatz kommen häufig kritische Ereignisse, die sogenannten Critical Incidents vor, jene gelungenen oder misslungenen Schlüsselmomente in der Kommunikation, die sich aus unterschiedlichen Interaktionsmustern und kulturellen Ausgangspositionen ergeben und in der Interaktion verarbeitet werden (Keim, 1994; Spencer-Oatey, 2008; Spencer-Oatey, 2013). Leider sind spanisch-deutsche kritische Ereignisse im Arbeitsplatz wenig empirisch untersucht und kaum sprachwissenschaftlich multimodal dokumentiert, was eine bedauernswerte Forschungslücke bedeutet. Im Gegensatz zu traditionellen Interpretationen der "affektiven Neutralität" als Schlüsselkompetenz des modernen beruflichen Verhaltens(Parsons & Shils, 1951), weiß man heutzutage vielmehr, dass der Ausdruck von emotionellen Haltungen zur Sprachsozialisation und zum Sprachlernprozess gehören(Du Bois & Kärkkäinen, 2012), und dass sie in der Interaktion verbal, paraverbal und nonverbal zum Ausdruck gebracht werden (Kupetz, 2014) und bei der Beziehungsarbeit, der hierarchischen Positionierung und der Ko-Konstruktion der sozialen Identität helfen, was in der Arbeitswelt genauso entscheidend ist wie im Alltag (Goodwin, 2001; Goodwin et al. 2012), wenn nicht mehr (J. Holmes & Marra, 2002). Matsumoto et al. (2007) identifizierten 4 Schlüsselkomponenten zum erfolgreichen Umgang mit interkulturellen kritischen Ereignissen: openness, flexibility, critical thinking and emotion regulation. Dabei hat die letzte eine spezifische gatekeeper-Funktion, denn Menschen können erst neue kognitive Schemata erwerben, kritisch denken und entsprechend flexibel handeln wenn sie ihre Emotionen unter Kontrolle haben. In diesem Beitrag wird auf verbaler, paraverbaler und nonverbaler Ebene der Ausdruck von Emotionen untersucht, die in kritischen Ereignissen in deutsch-spanischen transkulturellen Begegnungen im Arbeitsplatz vorkamen, und worüber kritisch reflektiert wird, mit dem Ziel, emotionelle Ausdrücke als Hinweise von interkultureller interaktioneller Kompetenz zu identifizieren. Die Daten stammen aus Videoaufnahmen des InCriT-Korpus (FFI2015-70864-P Incidentes Criticos en la Interacción Transcultural alemán-español/catalán), die die erwähnte Forschungslücke füllen möchte.


Birte Fritsch & Patrick Nogly
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Die Grenzen der Sprache: Selbsterfahrung und Grenzüberschreitung im grenzenlosen Europa am Beispiel von Sebastian Schlippers Victoria
Im angedachten Vortrag mit dem Titel "Die Grenzen der Sprache: Selbsterfahrung und Grenzüberschreitung im grenzenlosen Europa am Beispiel von Sebastian Schlippers Victoria" möchten wir die bereits in Ihrer Ausschreibung benannte "multilinguale und multikulturelle Natur der Gesellschaften" im kontemporären Europa am Gegenstand des Filmes Victoria (Deutschland 2015. Regie: Sebastian Schlipper) systematisch analytisch herausarbeiten und dabei hervorstellen, wie die (fremde) Sprache hier zum Vehikel von Kommunikation und Aktion gerät und in wiefern dies als Abbild der zeitgenössichen Entwicklung und den Diskursen der zunehmenden kulturellen Hybridität zu lesen ist. In einer zunächst filmnarratologisch (mit Markus Kuhn u.a.) und semiotisch (mit Andreas Blödorn, Jan Oliver Decker u.a.) motivierten Analyse werden die Merkmale der in Echtzeit, nämlich in einer echten Plansequenz, erzählten histoire mit Hinblick auf die zunehmend soghafte Dynamisierung ihres Geschehens erfasst, um im Folgenden die Bedeutung der sprachlichen Grenzen und ihrer Überwindung in Bezug auf den unausweichlichen Ausgang der Handlung erklären zu können. In wiefern wird folglich die Sprache und somit die versprachlichte Identität der Protagonist*innen zu Zeichenträger und Movens im an Drastik konstant aufgeladeneren plot und wie steht dies systematisch für die Entwicklung im Europa unserer Zeit - getragen von einer nachwachsenden Generation zukünftiger Entscheidungsträger*innen (Generation Y)? Muttersprache und Fremdsprache(n) beschreiben hier nicht nur Alterität und damit die Fremdheitserfahrung im Kontrast zur steigenden Nähe, auch werden im Film intersektionale Merkmale herausgestellt und dem audiovisuellen Medium entsprechend erörtert. Jugendkultur, Globalisierung und Mobilitätsfragen werden dabei genauso zentral behandelt, wie die mit der (fremden) Sprache einhergehenden Probleme und Missverständnisse. Kulturelle Hybridität unterminiert den Protektionismus der eigenen Kultur - im Film am subjektinhärenten Wertesystem verbildlicht - und führt letztlich dazu, dass die Protagonist*innen sich auf Handlungen einlassen, die die Grenze des Legalen bei weitem überschreiten. Dies steigert nicht nur die Ereignishaftigkeit innerhalb der Filmerzählung, sondern hinterlässt beim Rezipienten dieses rasanten Heist Movies die Frage, wie weit man selbst im System des fremden (als nicht dem eigenen) Kulturraums zu gehen bereit wäre. Die Achse Madrid-Berlin fungiert hier als Distinktionsopposition - in der an den Vortrag anschließenden Diskussion wäre es uns im Deutsch-Spanischen Kontext ein weiteres Anliegen, diesbezügliche Rezeptionserfahrungen zu sammeln und zu vergleichen.


Yolanda García Hernández
Universidad Autónoma de Madrid
Voces femeninas migrantes en la literatura intercultural en lengua alemana: reescribiendo la propia historia
Si miramos en detalle el actual mapa del continente europeo podemos apreciar cómo todas aquellas rígidas barreras geográficas que antaño separaban a los diferentes países parecen poco a poco desdibujarse y cómo el viejo continente es hoy en día claro reflej o de un mosaico intercultural en el que conviven identidades nacionales y culturales bien diferenciadas. Los movimientos migratorios se han convertido sin duda en una seña de identidad de la población mundial ya desde la segunda mitad del siglo XX y, de manera destacada, en estas primeras décadas del siglo XXI. De entre todas las artes, la literatura ha sido tradicionalmente definida como una forma de reflejar la realidad circundante y también de todas las nuevas estructuras sociales emergentes en Europa. Podemos hablar pues de la existencia de un sistema literario transcultural en el que las nuevas identidades se construyen gracias al efecto del contacto con el otro, con otras naciones, lenguas y culturas. Así, muchos de los actuales escritores y escritoras europeos ya no pueden ser definidos como meros representantes de una literatura nacional monocultural en tanto que tanto su producción literaria como sus propias vidas son un claro testimonio de ese permanente y valioso diálogo intercultural entre su cultura de origen y la cultura de la sociedad de acogida a la que se han trasladado libre o forzosamente como consecuencia de motivos ideológicos, económicos o de otra índole. En esta comunicación analizaré algunos ejemplos literarios de muy diferentes voces migrantes femeninas procedentes de diversas nacionalidades y también de lenguas maternas distintas (alemán, francés, húngaro, turco, japonés, etc.). Todas ellas presentarán sin embargo al menos dos hilos conductores comunes: la experiencia de migración vivida y la elección de la lengua alemana como lengua de creación artística y como seña de su identidad como escritoras migrantes. Nos acercaremos a la interesante producción literaria de Yoko Tawada, Irena Brezná, Emine Sevgi Özdamar, Aysel Özakin, Zsuzsanna Gahse, etc. por citar aquí solo algunos ejemplos.


Amador García Tercero & Mar Soliño
Universidad de Salamanca
"Kiezdeutsch"-seine Darstellung und sein Gebrauch in den Medien. Einführung der sprachlichen Varietät in den DaF-Unterricht
Die vorliegende Arbeit ist eine Studie über eine in den letzten Jahren entstandene sprachliche Varietät des Deutschen, nämlich das Kiezdeutsch, die, eine aufgeladene Diskussion in Deutschland ausgelöst hat. Es wurde beobachtet, dass die Nachkommen der Migranten in Deutschland eine neue Sprechart im Deutschen entwickelt haben, die sich von der Sprache unterscheidet, die ihre Eltern, Großeltern und in Deutschland aufgewachsene Menschen sprechen. Diese neue sprachliche Varietät der Nachkommen weist multikulturelle Merkmale auf, die mit Sprachkontakt zu tun haben, da es verschiedenen Autoren zufolge einen Einfluss aus Sprachen wie Türkisch, Arabisch oder Kurdisch gibt, der sich an der deutschen Sprache erkennen lässt. Dieser Einfluss hat seinen Ursprung in den 60er Jahren. Um diese Zeit fing die Arbeitsmigration nach Deutschland an, und wie Canoglu darauf hinweist (2012: 11), kam damit die Veränderung des Deutschen anlässlich des Sprachkontakts auch ins Spiel. Die Sprachforschung hat sich anfangs nur auf die Sprechart der mit einem tu?rkischen Migrationshintergrund Jugendlichen konzentriert und daraus sind Begriffe wie "Türkenslang" oder "Kanak Sprak" entstanden. Mit der Zeit wurde beobachtet, dass Jugendliche mit keinem türkischen Migrationshintergrund auch diese Sprechart in den multiethnischen Wohngebieten übernommen haben. Aus diesem Grund wurde der nicht abwertende Begriff Kiezdeutsch von der Linguistin Heike Wiese im Jahr 2006 geprägt. Neue Studien beweisen, dass auch Jugendliche und Erwachsene in Deutschland, die keinen Kontakt zu multiethnischen Gruppen haben, schon anfangen, diese neue Sprachvarietät zu verwenden. Die Linguistin Diana Marossek (2016) hat dafür den Begriff "Kurzdeutsch" verwendet. Ziel dieser Präsentation ist es, darzustellen, wodurch sich das Kiezdeutsch auszeichnet, wie z. B. die neue Wortstellung im Satz, die Artikel- und Präpositionsvermeidung, neue Wortschatzerweiterungen deutscher Partikeln, neue eingedeutschte Fremdwörter, neue Funktionswörter und Aufforderungswo?rter, den Gebrauch neuer Fokuspartikeln, oder u. a. die neuen Orts- und Zeitangaben. Damit wird versucht darzustellen, welche besonderen Merkmale diese Varietät hat und wie sie identifiziert werden können. Studien von Autoren, die das Thema schon behandelt haben, wie u. a. Auer (2003), Wiese (2012) oder Marossek (2016), sind für diese Arbeit von großer Hilfe gewesen. Es wird auch gezeigt, wie die Sprachwissenschaft bzw. die Soziolinguistik diese neue Varietät genannt hat und welche Darstellung und welchen Gebrauch das Kiezdeutsch in den Medien und in der Sprachgesellschaft innehat. Darüber hinaus wird auch erklärt, warum es für sinnvoll gehalten wird, diese neue Sprachvarietät im Deutschunterricht zu behandeln und welche Ergebnisse und Auswirkungen das auf Jugendliche haben könnte. In dieser Hinsicht sollen die DaF-Lernenden auch nicht außer Acht gelassen werden, da sie sich auch mit dem Kiezdeutsch konfrontieren könnten.


Ireneusz Gaworski
Uniwersytet Warszawski
Zur emotionalisierenden Wirkung der Nachfeldbesetzung in der Sprache der protestantischen Leichenpredigten
Die Nachfeldbesetzung gehört vermutlich wegen ihrer absoluten Fakultativität zu den umstrittensten Eigentümlichkeiten der deutschen Syntax. Die Kontroversen betreffen die grammatische Korrektheit wie auch die Akzeptabilität der meisten Formen der Nachfeldbesetzung. Allerdings zeugt die gesamte deutsche Sprachgeschichte unmissverständlich davon, dass diese topologische Struktur ganz besondere kommunikative und stilistische Potenzen besitzt, die gleichermaßen in der Oralität wie auch in der Schriftlichkeit zum Ausdruck kommen. Dass man mit deren Hilfe die Sprache auf vielerlei Weise auch emotionalisieren kann, wird im Beitrag auf Grund einer diachronen Analyse der gedruckten protestantischen Leichenpredigten aus den Jahren 1546-1801 geschildert. Es wird versucht zu zeigen, wie die wichtigsten Zweckbestimmungen dieser Kasualschriften (Erbauung, funeralrhetorische Funktionen, Appell, Persuasion) auch mittels Nachfeldbesetzung in unterschiedlichen Satzarten und in unterschiedlichen Klammertypen realisiert wurden.


Sabine Geck
Universidad de Valladolid
Negativ oder positiv? Semantische Verschiebungen im Deutschen als Zeichen sozialer und kultureller Veränderungen
Tatsächlich unterscheiden sich negativ (i. S. v. pejorativ) und positiv konnotierte Termini zumindest in der Komponentialsemantik nur in einem Merkmal. Da liegt es eigentlich nahe, dass dieses Merkmal leicht einmal verlorengehen kann. Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs sind Wandlungen von negativen zu positiven semantischen Bedeutungen (sog. Melioration) von Wörtern besonders häufig anzutreffen: z. B. war schwul früher (wann?) ein herabwürdigendes Wort der "Gassensprache" für eine legal und sozial geächtete Gruppe von Personen, hat sich dann aber zu der Bezeichnung schlechthin für "homosexuell" gemausert und ist mittlerweile ganz selbstverständlich in neutralen und sachlichen Kontexten verwendbar. Auch das Umgekehrte kann übrigens gelten: Wörter, die während Generationen als neutral (?) galten, sind plötzlich angeblich negativ konnotiert, beispielsweise Neger oder Zigeuner. Dass hier oft moralische Wertungen ins Spiel kommen, macht die Beschreibung dieser Prozesse nicht einfacher. In meinem Beitrag möchte ich möglichst viele Beispiele für dieses Phänomen anführen, ihre semantische Entwicklung nachzeichnen und evtl. aus historischer Perspektive kommentieren, sowie mit Hilfe kultureller Skripts auch beschreiben. Als mögliche sprachliche (universale) Ursache ziehe ich das sog. "uneigentliche Sprechen" in Betracht, also (Selbst-)Ironie, denn nicht immer werden nicht-wörtlich gemeinte Äußerungen richtig interpretiert, also in dem Sinne, dass etwas anderes (uneigentlich) gesagt wird als (eigentlich) gemeint ist.


Ciprian-Virgil Gerstenberger
Universitetet i Tromsø - Norges arktiske universitet
Annotierung und Gebrauch von Parallelkorpora für die Übersetzung
In Computerlinguistik werden Parallelkorpora für verschiedene Zwecke gebraucht: als Grundlage für die (semi-)automatische Gewinnung von mehrsprachigen Wörterbüchern oder von Listen idiomatischer Phrasen/Fachtermini oder als Trainingmaterial für Maschinelle Übersetzung. Doch auch für die Übersetzungswissenschaft und für kontrastive Sprachuntersuchungen sind annotierte Parallelkorpora wertvolle Ressourcen. Allerdings kann der Gebrauch von frei verfügbaren computerlinguistischen Ressourcen und Werkzeugen für die Annotation und die Suche in annotierten Korpora für den unerfahrenen Benutzer eine erhebliche Hürde darstellen. In dem Vortrag werde ich einige Werkzeuge und Anwendungen der Sprachtechnologie kurz präsentieren, die für die Annotation von Parallelkorpora relevant sein können. Zugleich werde ich aber auch Probleme aufzeigen, auf die man als Benutzer stoßen kann. Wie kann man annotierte Parallelkorpora für Übersetzungsaufgaben einsetzen? Auch auf diese Frage werde ich kurz eingehen und einige der vielen Verwendungsmöglichkeiten zeigen. In diesem Zusammenhang werde ich die sprachtechnologischen Ressourcen und Werkzeuge vorstellen, die im Rahmen des EU-Projektes CLARIN (CLARINO in Norwegen, CLARIN-D in Deutschland), entwickelt wurden.


Heidi Grünewald
Universitat de Barcelona
Neuvernetzungen. Figurationen der Subjektivität in Yadé Karas Selam Berlin, Café Cyprus und den Großstadtminiaturen der 1920er Jahre
Ähnlich wie bei der Herausbildung der modernen Massenkultur in den 1920er Jahren, bei der die Subjektivität des Einzelnen im Dickicht der Städte weitgehend verblasste und nur noch als anonymer Teil im Ornament der Masse weiterlebte, sodass neue identitätsbildende Diskurse notwendig wurden, so wirft auch die Bewältigung von Exil- und Migrationssituationen ein Konglomerat von Identitätsfragen auf, mit denen sich der der Fremde, "der heute kommt und morgen bleibt" (Simmel) hinsichtlich seiner Selbstkonstruktion in der fremden Kultur konfrontiert sieht. Anhand von Yadé Karas Migrationsromanen Selam Berlin und Café Cyprus sowie einzelnen Miniaturen der 1920er Jahre (Kracauer, Benjamin) beschäftigt sich der Beitrag mit den Prozessen und Mechanismen der Auflösung und Neugewinnung von Identität und untersucht die literarischen Figurationen moderner Subjektivität.


Isabel Gutiérrez Koester
Universitat de València
Auf der Flucht. Kriegserlebnisse in Spanien während des 1. Weltkrieges
Im Zuge der Kriegs-, Migrations- und Fluchtbewegungsforschung wird vornehmlich die literarische Verarbeitung von Verlust und Trauer untersucht und die daraus entstehende Materialisierung von bestimmten Topoi. Ziel dieses Beitrags wird jedoch viel mehr eine Annäherung an die Konstruktion von Kriegs- und Fluchtträumen sein und an die idealisierte Fremdvorstellung deutscher Zivilisten (Künstler, Geistliche und Wissenschaftler) auf ihrer Flucht nach Spanien während des Ersten Weltkrieges. Dabei soll auf die kriegsspezifische Verwendung des Reiseberichts aus literaturwissenschaftlicher Perspektive näher eingegangen werden.


Barbara Heinsch
Universidad de Oviedo
Interkulturalität und Fremdsprachenlehre: Die Notwendigkeit eines offenen Kulturbegriffs
Der Vortrag beschäftigt sich an Hand der Ergebnisse einer 2016 unter Deutschlernern im universitären Kontext durchgeführten qualitativen Datenerhebung (122 Teilnehmer, 32 verschiedene Muttersprachen) mit der Frage, inwieweit der interkulturelle Diskurs in der Fremdsprachenlehre vor dem Hintergrund einer immer engmaschiger werdenden Globalisierung einerseits und einer Überdimensionierung kultureller Unterschiede andererseits auf neue Parameter angewiesen ist, an Hand derer interkulturelle Kompetenzen beschrieben und vermittelt werden können. Für den vorliegenden Kontext relevant sind diejenigen Punkte der besagten Umfrage, die direkt auf das Thema Kultur, bzw. Interkulturalität in Verbindung mit dem Lernprozess abstellen. Weiterer Untersuchungsgegenstand sind die Items der Erhebung und die Interpretation der Resultate selbst. Es wird aufgezeigt, wie Vorwissen und (inter)kulturelle und fremdsprachendidaktische Erfahrungen von ForscherInnen auf die Erhebung und damit auf Methodologie und Theoriebildung Einfluss nehmen können.


Olga Hinojosa Picón
Universidad de Sevilla
Brüche und Umbrüche eines Lebens im Transit: Barbara Honigmanns Damals, dann und danach
Geboren 1949 in der DDR verfasst die deutsche Schriftstellerin Barbara Honigmann den autobiographisch geprägten Band Damals, dann und danach, nachdem sie sich 1984 im französischen Straßburg niedergelassen hat. Er besteht aus neun Erzählungen, in denen die Autorin versucht, anhand fragmentarischer Erinnerungen ihrer Vorfahren, die Familiengeschichte zu rekonstruieren. Dabei reflektiert sie aus der Perspektive einer Emigrantin über die biografischen Brüche und Umbrüche, die sowohl sie, als auch ihre Familie durch die ständige Überschreitung von Grenzen erlebt haben. Ziel dieses Vortrags ist es, die contact zones zu identifizieren und zu analysieren, die aus dem Leben im Transit entstehen, das Honigmann in Damals, dann und danach darstellt.


Herbert Holzinger
Universidad de València
In (der) Zukunft, auf (die) Dauer: Korpuslinguistische Untersuchungen zu Strukturen [Präposition + Substantiv] mit adverbialer Funktion
Korpusauswertungen ermöglichen detaillierte und empirisch abgesicherte Aussagen über linguistische Erscheinungen und führen so zu Einsichten, die auf andere Weise (etwa Intuition), nicht zu erreichen wären. Die Forschungsgruppe FRASESPAL bedient sich dieser Methode zur Untersuchung von Strukturen des Typs [Präposition + Substantiv] mit adverbialer Funktion und temporaler Bedeutung. In diesem Beitrag geht es speziell um in Zukunft und auf Dauer, sowie deren Varianten mit bestimmtem Artikel in der Zukunft, auf die Dauer. Außerdem wird die Musterbildung [auf + Substantiv] untersucht, wobei das Substantiv eine Dauer ausdrückt, wie etwa auf Jahre, auf Jahrzehnte, auf Jahrhunderte. Diese Untersuchungen finden im theoretischen Rahmen der usuellen Wortverbindungen (Steyer 2013) statt. Die verwendeten Korpora sind Sketch Engine und DeReKo (Deutsches Referenzkorpus). Ziel der Forschung ist eine genaue Erfassung und Analyse der erwähnten (und anderer) Einheiten als Basis für eine lexikografische Beschreibung. Aufgrund ihres häufigen Zusammen-Auftretens kann diesen Wortgruppen eine gewisse Festigkeit zugesprochen werden, sie gehören damit in den Randbereich der Phraseologie, dem gegenwärtig großes Forschungsinteresse entgegengebracht wird. Neben quantitativen Daten (Frequenz des Substantivs, Frequenz der adverbialen Verbindung), die durch entsprechende Suchanfragen an das Korpus ermittelt werden, sind vor allem die von Linguisten durchgeführten qualitativen Analysen und Auswertungen von Bedeutung. Dabei sind folgende Gesichtspunkte vorrangig: 1. Die Bedeutungen bzw. Verwendungsweisen der Verbindung, die aus den gefundenen Korpusbelegen abstrahiert werden können; 2. Die Stabilität bzw. Variabilität der Verbindung, bei der man unterscheiden kann: a) Interne Varianz, d. h. die mehr oder weniger restringierte Möglichkeit des Einschubs von lexikalischen Elementen zwischen Präposition bzw. Artikel und Substantiv; b) Externe Varianz, d. h. typische lexikalische Satelliten im Kontext; 3. (semi)lexikalisiserte Elemente, die einen besonders hohen Festigkeitsgrad aufweisen. Hinsichtlich der Musterbildung [auf + SubstantivDAUER], etwa auf Jahre, auf Jahrzehnte, auf Jahrhunderte ist zu überprüfen, welchen Restriktionen die an der Musterbildung teilnehmenden Substantive unterliegen und wie die Semantik des Musters beschrieben werden kann. gegangen werden.


Nely M. Iglesias Iglesias & Alejandro Alonso Santos
Universidad de Salamanca
"Viel mehr als nur zu zweit!" Korpusbasierte Beschreibung des Musters [F|für + ADJ + Stunden zu zweit]
Im Rahmen zweier laufender Forschungsprojekte zu usuellen Wortverbindungen (UWV) werden in unserem Beitrag temporale Präposition-Substantiv-Verbindungen mit rekurrentem Nullartikel in adverbialer Verwendung untersucht, die in der Phraseologie-, in der Mehrwortforschung überhaupt, einen bisher eher vernachlässigten Untersuchungsgegenstand dargestellt haben (vgl. Steyer/Hein 2016: 402). Das am IDS entwickelte Modell zu UWV (vgl. Steyer 2013) bildet sowohl die theoretische wie auch die empirische Grundlage der Untersuchung solcher Wortverbindungen sowie abstrakterer Wortverbindungsmuster vom Typ [für + SPlural], beispielsweise für Sekunden, für Minuten, für Stunden, etc. Zum einen sollen - ausgehend von den Kookkurrenzprofilen - signifikative Partner der zuvor induktiv ermittelten temporalen Präposition-Substantiv-Verbindungen ausfindig gemacht werden. Zum anderen werden Slotanalysen durchgeführt, die u. a. ggf. Aufschluss über den Lexikalisierungs- und/oder Grammatikalisierungsgrad einer WV geben können. Gleichzeitig soll in Erfahrung gebracht werden, welche Konstituenten eines Wortverbindungsmusters bzw. einer Phrasemkonstruktion (PhK), die "als Ganzes eine lexikalische Bedeutung" aufweisen, besetzt und welche frei sind (vgl. dazu Dobrovol'skij 2011: 114). Im Verlauf der Untersuchung des Musters [für + SPlural] konnten WV und Wortverbindungsmuster korpusbasiert erschlossen werden, die als solche zwar im nativen Sprachgebrauch üblich sind, aber noch keine Beachtung in den gängigen Nachschlagewerken (Wörterbücher, Grammatiken) gefunden haben. Solche Wortverbindungsmuster stellen aus psycholinguistischer Perspektive sog. Chunks dar (vgl. Handwerker/Madlener 2013), die immer wieder im o.g. Sinne im Sprachgebrauch aktualisiert werden. Die Aktualisierung dieser Slots durch bestimmte Füller, die beim Native Speaker in der Regel unbewusst vonstattengeht, muss dem Fremdsprachenlernenden explizit und systematisch vermittelt werden. Bei [für + ADJ + Stunden zu zweit] geht es um ein solches Muster, das in der Phraseologieforschung als Phrasemkonstruktion bezeichnet wird (vgl. Dobrovol'skij 2011). Im Duden wird die Fügung zu zweit - "eine sprachliche Einheit bildende Wortgruppe" - als eine Gruppe von Personen definiert (in diesem Fall von zwei Personen), genauso wie zu dritt, zu viert, zu fünft, etc. Wir gehen davon aus, dass neue WV bzw. neue WV-Muster neue Bedeutungen implizieren (vgl. w. o.), d. h., [für + ADJ + Stunden zu zweit] weist [zu zweit] gegenüber eine neue und/oder andere Bedeutung auf. Aus kontrastiver Perspektive soll im letzten Teil unseres Beitrags auch auf mögliche Enstprechungen im Spanischen eingehen werden.


Yuuki Kazaoka
Kitasato University
Die Grenze zwischen einem Verstorbenen und einer Verlassenen. Zu Ingeborg Bachmanns Nachrufsentwurf auf Witold Gombrowicz
Wenn die Gegensätzlichkeit zwischen Grenzen und Brücken in der "bewegten Zeit" zur Frage kommt, dann wird die Grenze zwischen den Lebenden und den Verstorbenen als einer der wichtigsten Aspekte angesehen - eine Grenze, die in der europäischen Literatur häufig thematisiert wird und deren Überbrückbarkeit oft in literarischen Werken gesucht wird. Diese Tradition der Funeralrhetorik geht auf die Vertreter der Antike, wie etwa Perikles, zurück. Wirft man den Blick auf die letzten zwanzig Jahre, kann man Derridas "Chaque fois unique, la fin du monde" als berühmtes Beispiel ansehen. Mein Vortrag macht ebenfalls auf diese Grenze aufmerksam. Dabei beschränke ich mich auf Ingeborg Bachmanns Nachrufsentwurf für den polnischen Schriftsteller Witold Gombrowicz (1904-1969), der bislang in der Bachmannforschung kaum behandelt wurde. Bachmann lebte ab 1963 durch ein Stipendium der Ford Foundation in Westberlin und auch Gombrowicz war durch diese Förderung eingeladen worden. Die beiden haben sich also dort kennen gelernt. Bachmanns Nachrufsentwurf findet sich zwar im Nachlass, ist aber zur Publikation nicht freigegeben. In meinem Vortrag wird dieser Entwurf also untersucht und interpretiert. Angesichts der Grenzziehung und -überschreitung stellt sich die Frage: Wenn Bachmanns Nachrufsentwurf die Grenze zwischen dem Verstorbenen und der Verlassenen zu überbrücken versucht, wie und mit welchen literarischen Mitteln schlägt sie die Brücke? Damit ist gemeint, wie sie darauf abzielt, als Verlassene das Gespräch mit dem Verstorbenen weiterzuführen wie zu Lebzeiten. Bei der Untersuchtung zu berücksichtigen ist zum Beispiel Bachmanns Zitierweise von Gombrowicz' Text. Bachmann nimmt nämlich einen langen Textauszug aus Gombrowicz' "Berliner Notizen" in ihren Nachrufsentwurf auf, was sehr chrakteristisch für Bachmanns Funeralrhetorik ist. Oder man bemerkt, dass die Namen der deutschsprachigen Literatur nicht nur direkt erwähnt sondern auch indirekt suggeriert werden, was für das weitere Gespräch mit dem toten Gombrowicz ebenfalls unerlässlich ist. Bachmanns Umgang mit Autorennamen ist hier als literarische Strategie zu bezeichnen. Darüber hinaus wird auf die Verwendungsweise des Personalperonomens "wir" aufmerksam hingewiesen. Diese impliziert nämlich, wie sehr sich Bachmann der Distanz mit dem Verstorbenen bewusst ist und diesen Abstand misst. Auf solche Merkmale wird in meinem Vortrag eingegangen. Bereits im früheren Schaffen Bachmanns, etwa in dem Gedicht "Dunkles zu sagen" (1952), wird ein Gespräch der Sprechinstanz mit einem verstorbenen "Du" konzipiert. In der späten Schaffensperiode wird diese Art von Gespräch auf andere Weise weiterentwickelt - angesichts des Todes von Personen, die Bachmann sehr nahe stehen. Man kann also argumentieren, dass sich die Frage nach dieser Grenze und ihrer Überbrückbarkeit durch Bachmanns Schaffen hindurchzieht. Mein Vortrag versteht sich als eine Annäherung an und Analyse dieser entscheidenden Thematik.


Lucrecia Keim Cubas
Universitat de Vic-Universitat Central de Catalunya
Analyse mündlicher Produktion von Deutschstudierenden bei der Durchführung von F2F- und Onlineaufgaben
Der Gebrauch von Aufnahme- und Videokonferenz-Tools in Präsenz- und in Onlinekursen hat der Praxis der mündlichen Produktion in Sprachkursen neue Wege geöffnet. Lernende in Präsenzkursen können dank dieser Werkzeuge ihre eigene Sprachproduktion in einfacher Form nochmal hören oder sehen und dementsprechend analysieren, beziehungsweise auch außerhalb der Unterrichtsstunden ihre mündliche Produktion weiter üben. Im Rahmen von Onlinekursen bieten diese Werkzeuge exzellente Möglichkeiten, um die mündliche Sprachproduktion in synchroner und interaktiver Form zu üben. Zahlreiche Untersuchungen zeigen inzwischen Merkmale solcher Interaktionen auf (Berglund 2009, Lamy & Flewitt 2011, Lee 2008, Yanguas 2010 u.a.). Im vorliegenden Beitrag sollen die Vorergebnisse einer Untersuchung vorgestellt werden, in der zwei Deutschstudentinnenpaare (Niveau B1) vier verschiedene Aufgaben face to face und online durchführen. Die Gespräche wurden aufgenommen und transkribiert, wobei auch nonverbale Elemente berücksichtigt wurden. Bei der Analyse interessiert uns insbesondere, ob die gewählten Aufgabetypen (Jigsaw und Ranking) abhängig von der Umgebung unterschiedliche Strategienaktivierungsprozesse auflösen. Zudem werden Daten zu Indikatoren für Flüssigkeit und Komplexität des Diskurses unter Berücksichtigung der Variablen Aufgabentyp und Umgebung erhoben. Diese Untersuchung beruht auf den Ergebnissen einer ersten explorativen Studie (Keim/ Tortadès 2015 und Delgar 2016), in der allerdings nur ein Aufgabentyp durchgeführt wurde. Dort konnte festgestellt werden, dass in beiden Umgebungen die Lernenden die Aufgabe in ähnlicher Form durchführten. Die Unterschiede in der Sprachproduktion deuteten dort lediglich auf personenbezogene Variablen hin. Bei der Untersuchung, die hier vorgestellt wird, zeigt sich, dass sowohl der Aufgabentyp wie die Lernumgebung zusätzlich zu den personenbezogenen Variablen Einfluss auf die Merkmale der Interaktion haben.


Andrea Klatt
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Zur Hälfte ein neues Leben. Welche Schreibform eignet dem modernen Subjekt zur Freiheit?
Die Geschichte des Selbst wird als Geschichte von Umbrüchen erzählt. Das moderne Subjekt wird um circa 1800 von der Vorstellung befreit, von Gott gesetzt zu sein. Aus diesem Umbruch zur Freiheit haben sich in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts vielgestaltige Erscheinungsformen des Selbst ergeben. Dieses moderne Selbst kann einen doppelten Boden haben wie bei Felicitas Hoppe, die mit "Hoppe" (2012) ihre Wunschbiografie vorgelegt hat und sich so - wie sie sagt - "zur Hälfte ein neues Leben" erschrieben hat, oder das Selbst kann eindeutiger referenzialisiert sein wie zum Beispiel in dem Sterbetagebuch "Arbeit und Struktur" (2013) von Wolfgang Herrndorf, indem Autor und Erzähler enggeführt werden. Der Beitrag möchte die unterschiedlichen Schreibformen des Selbst unter einem philosophischen Blickwinkel betrachten und die Frage stellen, ob die fiktionale oder faktuale das heißt die komplexe heterogene Schreibweise, die dem Okkulten nahe steht, oder eben gerade die eindeutig referenzialisierte homogene Schreibweise der Freiheit des Selbst besser eignet. Während Texte mit einem faktualen Geltungsanspruch die Prozessualität des Selbst reduzieren, indem sie zur Verantwortungsübernahme zwingen, und auf den ersten Blick dadurch weniger Freiheit bieten, so beinhaltet das Versprechen von (auto-)fiktionalen Texten, das Selbst zu veruneindeutigen, insofern weniger Freiheit als eine sinnstiftende Selbstsetzung gerade dadurch unmöglich wird. Freiheit bedeutet nicht Anarchie oder Chaos, sondern das freie Selbst wird zur causa sui: Das Selbst setzt sich und seine Gesetze selbst. Zur Diskussion herangezogen werden fiktionale und faktuale Texte, sowie Hybridformen wie autofiktionale Texte des 21. Jahrhunderts.


Isabella Leibrandt
Universidad de Navarra
La estética y las emociones
Sabemos todos que las palabras tienen el poder de mover a los lectores, hacerles tristes, enojados, contentos, interesados, asustados, avergonzados, disgustados o sorprendidos. Los escritores escriben con el deseo de estimular las emociones de los lectores, y los lectores leen experimentando con los protagonistas sus penas y alegrías, miedos y consuelos. La investigación de la literatura en relación con las emociones actualmente enfoca cuestiones interdisciplinarias porque lo 'qué' y 'cómo' sentimos está influenciado en gran medida a través del lenguaje y las imágenes, por tanto, ha llamado la atención los siguientes aspectos: La lectura de textos literarios es una actividad sumamente constructiva que permite experimentar algo ajeno a nuestro mundo siendo una condición previa para poder experimentar los estados emocionales internos de otros. Afirma Schön (1995) que, durante la lectura literaria ejercitamos un acto cognitivo que permite anticipar y asimilar los sentimientos y las emociones de las figuras ficcionales: sentimos lo que sienten ellas al interpretar e identificar todos los afectos externos a través de los cuales sacamos nuestras conclusiones sobre su estado interno. Al identificarnos con una figura ficcional (habitualmente con el carácter positivo/ el héroe de una narración) estamos ejercitando por tanto una interacción social. Queremos ofrecer respuestas a las siguientes preguntas: ¿De qué manera influye la competencia lingüística estimulada a través de un texto literario en la competencia emocional? ¿Qué relación existe entre la imaginación inducida de forma ficcional y la competencia emocional? ¿Cuál es la interacción entre la comprensión de las perspectivas de otros y la capacidad de la empatía mediadas a través de narrativas? ¿En qué medida la lectura de textos literarios puede fomentar la competencia emocional? ¿Qué conceptos sobre las emociones pueden ayudar a comprender un texto literario, su producción o su recepción? ¿Qué respuesta afectiva busca despertar un texto (o el autor) y cómo? ¿De qué manera responden los lectores y las audiencias afectivamente a los textos literarios y de qué manera son esas respuestas emocionales significativas o interesantes? ¿Qué nos dicen estas respuestas acerca de las emociones, de los lectores, textos, o los contextos históricos y culturales de los lectores?


Verena Spohn
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Übersetzen als Brückenschlag zum Seelenheil in volkssprachlichen religiösen Erzählungen des Mittelalters
Wiedererzählen oder Intertextualität ist in der mittelalterlichen Literatur mit ihrem weniger auf Originalität als vielmehr auf handwerkliche Expertise zielendem Kunstverständnis ubiquitär, die übersetzende Neubearbeitung damit eine dichterische Tätigkeit die das Literaturschaffen bestimmt. Während bei fiktionalen Texten wie der aus dem romanischen Kulturkreis stammenden Artusepik die wiedererzählende Neubearbeitung in der Volkssprache eine wichtige Rolle bei der Konstitution eines höfischen Selbstverständnisses und bei der Vermittlung gesellschaftlich normierter Werte übernimmt, ist diese Komponente bei religiösen Texten, die einen faktualen Geltungsanspruch beinhalten, noch stärker ausgeprägt: Vor der Folie der Allgegenwärtigkeit des christlichen Glaubens ist die Kenntnis religiöser Wissensinhalte für den individuellen Lebensweg und die Integration des Gläubigen in eine christliche Gemeinschaft geradezu essentiell. Dass bis ins Hochmittelalter hinein am Lateinischen als lingua sacra festgehalten wurde, stellte für den Großteil der laikalen Bevölkerung jedoch eine nahezu unüberwindbare Hürde dar: Illiterati, d.h. Lateinunkundige, waren von der (eigenständigen) Partizipation an religiösem Wissen ausgeschlossen und von der Vermittlung durch eine klerikale Geheimniselite abhängig, deren Bildungsmonopol in der Umbruchszeit des Spätmittelalters schließlich zu wanken beginnt, wie eine Vielzahl von Übertragungen lateinischer Texte in die Volkssprache eindrücklich zeigen. Der Vortrag möchte am Beispiel ausgewählter religiöser Erzählungen der Frage nachgehen, inwiefern volkssprachliche Autoren mit ihren übersetzenden Neubearbeitungen eine Brücke zu einem Wissensraum schlagen, der für einen erfolgreichen individuellen Heilsweg unabdingbar, aufgrund der Sprachbarriere jedoch einem direkten Zugang verschlossen bleibt. Dieser doppelte Brückenschlag, der nicht nur das Seelenheil des übersetzenden Dichters, sondern auch des Lesers im Ziel hat, soll in den Blick genommen werden: Welche Rolle spielt die Übersetzungstätigkeit für das Selbstverständnis der Autoren? Wie gelingt der Balanceakt zwischen einer lateinisch geprägten Frömmigkeitskultur und den Bedürfnissen einer neu anwachsenden laikalen Bildungsschicht? Inwiefern finden die Autoren religiöser volkssprachlicher Texte neue Strategien, den nun "zu[m] selbstverantwortlichen Subjekt seiner Frömmigkeit" (Schreiner 1992: 55) beförderten Rezipienten das mit der Übersetzung zugänglich gemachte Wissen auch affektiv zugänglich zu machen?


Ewa Maria Majewska
Uniwersytet Warszawski
Besonderheiten des medizinischen Vokabulars fremden Ursprungs und sein Transfer in den deutschsprachigen Fachzeitschriften
Die Medizin hat wie jedes andere Fachgebiet ihre eigene Sprache, die sie von den anderen Fachgebieten unterscheidet. Ihr umfangreicher und ausgebauter Wortschatz, der jahrhundertelang um neue Begriffe bereichert wurde, verdient ein besonderes Ansehen. An seiner Herausbildung waren unterschiedliche Sprachen beteiligt. Au?er dem deutschen Wortgut enthält das medizinische Fachvokabular viele griechische und lateinische Lehnwörter. Immer stärker setzt sich das Englische im gegenwärtigen deutschen medizinischen Fachwortschatz durch. Das Französische hat auch seine Spuren hinterlassen. Der deutsche medizinische Fachwortschatz umfasst Termini, Trivialbezeichnungen sowie Wörter der Gemeinsprache. Au?er den Lehnwörtern aus dem Griechischen, Lateinischen und Englischen kommen oft solche Mischformen wie Hybridbildungen vor. Die medizinischen Fachwörter stellen unterschiedliche Wortbildungstypen dar. In diesem Beitrag werden charakteristische Merkmale und Besonderheiten des Fachwortschatzes griechischer, lateinischer, englischer und französischer Abstammung dargestellt. Das Korpus ist anhand der deutschsprachigen Fachzeitschriften aus dem Gebiet der Medizin gesammelt worden und es enthält Belege aus den unterschiedlichen medizinischen Teilgebieten. Der Fachwortschatz wurde semantisch und morphologisch analysiert. Es wurde erforscht, wie die medizinischen Angaben mit den Lehnwörtern in den Fachzeitschriftenartikeln überliefert werden und welche Rolle diese Lehnwörter dabei spielen sowie auf welche Weise das fremde Wortgut an das Deutsche angepasst wird.


Ana Mansilla
Universidad de Murcia
La fijación en las combinaciones usuales de estructura [PREP + SUST. plural]: algunas pautas para el estudio contrastivo alemán-español a partir de corpus
En el marco del proyecto interuniversitario FFI2013-45769-P que lleva por título Combinaciones fraseológicas del alemán de estructura [PREP. + SUST.]: patrones sintagmáticos, descripción lexicográfica y correspondencias en español y dirigido por Carmen Mellado Blanco, la presente comunicación tiene por objeto estudiar las concomitancias y divergencias de las combinaciones usuales del español y alemán de estructura [PREP + SUSTplural] a partir de su comportamiento textual en los corpus de Sketch Engine eseuTenTen11 y deTenTen 13, respectivamente. Para ello se mostrarán los parámetros establecidos para explorar tanto la fijación externa (colocados verbales de las combinaciones usuales), como la interna (posibles extensiones adjetivas entre preposición y sustantivo) lo que se llevará a cabo por medio de la herramienta LexPan ("Lexical Patterns Analyzer")(cfr. Steyer/Brunner 2009). En concreto me centraré en combinaciones de esta estructura [PREP + SUSTplural] con sustantivos eventivos que aluden en su significado a sensaciones somáticas corporales (cfr. Mellado Blanco/Meirama López 2017) como: esp. entre dolores, con dolores; al. unter Schmerzen, mit Schmerzen. El presente trabajo tiene como objetivo, asimismo, presentar las diferentes aplicaciones de la lingüística de corpus en el ámbito de la fraseología. De este modo, tomando como punto de partida las combinaciones de la estructura arriba citada y a través de los corpus consultados, se explicará cómo llegar a las convergencias y diferencias que tienen los pares de equivalencia en diferentes niveles (sintáctico, semántico y pragmático-textual) y su respectivo grado de fijación.


Francisco Manuel Mariño
Universidad de Valladolid
Georg Trakl entre os autores galegos
O presente traballo tenta expor e desenvolver a presenza de Georg Trakl entre os autores con obra en galego, malia que as citas ou referencias ao autor austríaco poidan aparecer mesmo en castelán por tratarse de autores bilingües. Faise especial fincapé na presentación que leva a cabo Cunqueiro nun seu artigo xornalístico do ano 1972, no que hai unha profunda gabanza de Trakl, o que levaría a supor unha meirande presenza posterior deste autor en Galicia, horizonte de expectativas que non se ve cumprido, pois as referencias ulteriores ao poeta austríaco circunscríbense, en termos xerais, a alusións ao carácter sombrizo da súa obra, á citación dalgún verso ou, no caso talvez máis significativo, á tradución dun poema completo. A conclusión que se pode tirar do traballo é a de que hoxe en día Trakl continúa a ser un nome ao que acudir para citas de autoridade, moi frecuentemente unido aos de Gottfried Benn ou Rilke, mais que, en absoluto, chega aos niveis de coñecemento, sobre todo, deste último.


Meike Meliss & Christine Möhrs
IDS Mannheim / USC
Die Entwicklung einer korpusbasierten lexikografischen Ressource zur Lexik des gesprochenen Deutsch im Rahmen des Projektes LeGeDe
In dem Beitrag soll das Forschungsprojekt Lexik des gesprochenen Deutsch (=LeGeDe) vorgestellt werden. Das Hauptziel des LeGeDe-Projekts ist die Entwicklung einer korpusbasierten lexikografischen Ressource zur Lexik des gesprochenen Deutsch auf der Datengrundlage von FOLK. Die Ressource soll in das Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch (=OWID) eingebettet werden. Neben Informationen zu den Eckdaten des Projekts, zu den unterschiedlichen Ausgangspunkten, dem Gegenstandsbereich, den Zielen sowie der Korpusgrundlage sollen einige grundlegende Forschungsfragen aufgezeigt und verschiedene methodologische Ansätze dargestellt werden. Die für die lexikografische Gestaltung relevante Stichwortliste sowie erste Vorschläge zur Gewinnung, Analyse und Strukturierung der Daten und ihrer lexikografischen Umsetzung werden ebenso skizziert wie die Betrachtung unterschiedlicher Anwendungsperspektiven. Ausgangspunkt des LeGeDe-Projekts sind folgende Hauptannahmen und Beobachtungen: (i) Es existieren auf verschiedenen Ebenen Unterschiede in der Lexik des gesprochenen im Vergleich zu dem geschriebenen Deutsch. Übergreifende Studien zu bestimmten lexikalischen Phänomenen sind bis jetzt allerdings eher selten. (ii) Die lexikografische Dokumentation der interaktionstypischen Besonderheiten der gesprochensprachlichen Lexik des Deutschen ist nach wie vor unzureichend. (iii) Der Informationsbedarf auf allen Ebenen zu typisch gesprochensprachlicher Lexik in unterschiedlichen Anwendungsbereichen steigt. (iv) Es existieren bis jetzt kaum korpusbasierte lexikografische Projekte zu der gesprochensprachlichen Lexik. Für die Erstellung einer lexikografischen Ressource zur Lexik des gesprochene Deutsch ergeben sich daher ganz neue Herausforderungen in Verbindung mit (i) der Bestimmung der Besonderheiten und Divergenzen von mündlichem vs. schriftlichem Sprachgebrauch im lexikalischen Bereich auf allen Ebenen, (ii) der Entwicklung neuartiger lexikografischer Angabetypen, die u.a. auf die Funktion lexikalischer Einheiten in Interaktionskontexten Bezug nehmen, (iii) der Entwicklung lexikografischer Beschreibungsformate in multimedialer Form für hochgradig kontextualisierte lexikalische Daten und (iv) der Entwicklung innovativer korpuslinguistischer Methoden in Form eines Tools zur Abfrage, Analyse und Strukturierung von automatisch generierten korpusbasierten Daten. Am Beispiel der LeGeDe-Projektpräsentation thematisiert der Beitrag sowohl innovative korpusbasierte Methoden, die erstmals auf gesprochensprachliche Korpusdaten unterschiedlicher Interaktionstypen angewendet werden, als auch die Erstellung einer multimedialen lexikografischen Ressource und ihre unterschiedlichen wissenschaftlichen und lernerorientierten Anwendungsbereiche in Verbindung mit Herausforderungen an die Germanistik von heute und morgen.


Elzbieta Nowikiewicz
Uniwersytet Kazimierza Wielkigo
Akteure des Kulturtransfers in der Provinz Posen. Überlegungen zur Hybridität einer Grenzregion
Deutsch-polnische Migrationserfahrungen haben in Großpolen eine lange Geschichte. Eine deutliche Belebung erfahren sie in der Zeit der polnischen Teilungen, als deutsche Siedler ins Großherzogtum Posen (1815) kommen, darunter u. a. eine große, sozial und beruflich homogene Gruppe von Beamten und Lehrern. Für sie ist Mobilität eine berufliche Notwendigkeit, und der Staat schickt sie an Orte, an denen sie für bestimmte Zeit, teils unfreiwillig, Fuß fassen müssen. In den Diskussionen der älteren Migrationsforschung über die Auswanderungen oder Einwanderungen der Deutschen in die Provinz Posen wird ihr "Dazwischen-Sein" zwischen beiden Kulturen nur zum Teil berücksichtigt. Ihr Dazwischen-Sein damals ist jedoch mit dem Sowohl-als-auch der deutschen Migrantinnen und Migranten in Polen heute nicht zu vergleichen. Während man heute eher von an mehreren Orten Verwurzelten sprechen würde, die transnational, in beiden Gesellschaften gleichzeitig leben, und für die die polnische Kultur eine Partnerkultur ist, so schrieb man in den damaligen Tendenzartikeln von Deutschen in der Provinz Posen als von "entwurzelten Brüdern". Der Lebensstil deutscher Siedlerinnen und Siedler im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts soll in Anlehnung an autobiografisch inspirierte deutschsprachige literarische Texte reflektiert werden. Die Quellenanalyse ergibt, dass die aufnehmende Gesellschaft am Ankunftsort zum Teil ignoriert wurde bzw. man sich bewusst von ihr distanzierte und einen eigenen Mikrokosmos in einer multinationalen (polnisch-deutsch-jüdischen) Umgebung schuf, weil die polnische Kultur damals nicht als eine gleichwertige Kultur gesehen wurde. Anhand der Texte lässt sich herausarbeiten, dass die in die Provinz Posen eingewanderten deutschen Beamten und Lehrer einerseits versuchen sollten, sich heimisch zu fühlen, andererseits bemühten sie sich, ihre Ausgangskultur aufrechtzuerhalten, denn aus politischer und ideologischer Perspektive galt es, "einen festen Organismus deutschen Lebens in den Ostmarken zu schaffen, der mit dem slawischen Einschlag wohl fertig werden könnte." Man bemühte sich somit, vor Ort "auf Deutsch zu leben", während die autochthone, polnische Bevölkerung in den preußischen/deutschen Staat hineinwachsen sollte.


Teresa Martins de Oliveira
Universidade do Porto
Lüschers Novelle Frühling der Barbaren - "Crash of Civilization" mit Globalisierung im Hintergrund
Ausgegangen wird von der Tatsache, dass Literatur und Literaturwissenschaft zur genauen Skizzierung von Globalisierungsphänomenen beitragen können. Dieser Thematik nähert sich die Novelle "Frühling der Barbaren" des von Rortys Neopragmatismus beeinflussten Schweizer Schriftstellers Jonas Lüscher. In ihr setzt sich der Autor kritisch und ironisch mit Phänomenen der von Neoliberalismus, Kapitalismus und Marktwirtschaft geprägten Globalisierung und ihrer Konsequenzen aus. Mein Beitrag widmet sich der in der Novelle behandelten Anhäufung von Phänomenen von Globalität, wobei Aspekte wie Ost-West und Nord-Süd-Konflikt, globalisierte Finanzmärkte und mobile Kosmopoliten in Artikulierung mit Theorien wie Huntingtons "clash of civilizations" und seinen Kritikern oder "Transkulturalität (Welsch) von Bedeutung sind.


Ulrike Oster
Universitat Jaume I
Vier Jahrhunderte Wut. Entwicklung eines vielschichtigen Emotionsworts
Das Ziel dieses Beitrags ist eine korpusbasierte diachrone Beschreibung des Emotionswortes Wut vom 17. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Ausgangspunkt für die behandelten Fragestellungen ist eine Konfrontation zeitgenössischer (Durst, 2001; Fries, 2004; Oster 2014; Weigand, 1998) und historischer (Grimm & Grimm, 1961) Beschreibungen der Wortbedeutung von Wut. Methodisch beruht die Beschreibung auf einem in der Kognitiven und Korpuslinguistik verwurzelten Ansatz zur korpusbasierten Analyse von Emotionswörtern (Oster 2010, 2014) sowie auf Ogarkova und Sorianos (2014) Begriff des semantischen Fokus. Die diachrone Analyse findet mit Hilfe des DTA-Korpus (Deutsches Textarchiv) unter zwei Hauptgesichtspunkten statt. Zum einen soll die Bedeutungsentwicklung bezüglich zweier Dimensionen dargestellt werden, nämlich Regulierung (Behalten der Kontrolle über die Emotion vs. Kontrollverlust) und Ausdruck (Sichtbarkeit vs. Verinnerlichung der Emotion). Hierzu wird eine breit angelegte, quantitative Untersuchung durchgeführt, die die Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte aufzeigt. Komplementär dazu gibt eine detaillierte, qualitativ orientierte Untersuchung Aufschluss über die Verlässlichkeit der zuvor ermittelten Trends sowie über mögliche Hintergründe der Veränderungen. In einem weiteren, ebenfalls qualitativen Schritt wird die Verteilung der im Grimm'schen Deutschen Wörterbuch beschriebenen vier Bedeutungsbereiche über die Jahrhunderte hinweg untersucht und dem zeitgenössischen Bedeutungsumfang gegenübergestellt. Diese Verbindung von quantitativem und qualitativem Ansatz sowie historischer und zeitgenössischer Daten erlaubt einen fundierten Einblick in den Gebrauchsverlauf dieses Emotionsworts und darin, wie frühere Verwendungsweisen den heutigen Bedeutungsumfang mitgeprägt haben.


Marta Panadés
Universitat de Barcelona
Expressive Sprechakte in professionellen Bereichen Spanisch/Deutsch
Trotz der zunehmenden Globalisierung koexistieren weiterhin verschiedene Wege zum Verständnis der Welt, und damit wirtschaftliche und geschäftliche Beziehungen aus verschiedenen Blickwinkeln, von denen auch kulturelle Missverständnisse abgeleitet werden können, wo ein tieferes Wissen der Zielsprache und -kultur notwendig ist (interkulturelle Kompetenz).In dem vorliegenden Vortrag wird ein Überblick über die Verwendung bestimmter emotionaler Aspekte wie die expressiven Sprechakte (sowohl diskursive als auch sprachliche Einheiten) in Arbeitsumgebungen gegeben, sowie unter Berücksichtigung der Tatsache, dass in diesem Kontext solche Sprechakte durch Konventionen geregelt sind (Wagner 2001), im Gegensatz zu dem persönlichen und privaten Bereich. Zu diesem Ziel sind expressive Typen wie begrüssen, gratulieren oder sich beschwerden analysiert worden, die typisch von gemeinsamen Kommunikationssituationen in diesem Bereich sind (Vorstellungsgespräch, Verhandlungen, Meetings/Besprechungen oder Kundenservice), wo die Einstellung des Sprechers-Hörers die Beziehungen zwischen ihnen bedingen kann. Die verschiedenen kommunikativen Situationen wurden aus mehreren Wirtschaftssprache/Deutsch ausgewählt, von denen einige besonders gezielt auf Spanisch sprechenden Lernenden. In diesem Fall können die Ergebnisse mit ähnlichen Strukturen in Spanischen verglichen werden, um die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Kulturen zu beobachten, und somit einen mit den häufigsten verwendeten Strategien Katalog zu ermöglichen.


Pawel Piszczatowski
Uniwersytet Warszawski
"... ich führe dich hinweg zu den Stimmen von Estremadura". Der spanische Bürgerkrieg in Gedichten von Paul Celan
Der Beitrag soll sich mit poetischer Verarbeitung von geschichtlichen Spuren des spanischen Bürgerkriegs in den Gedichten von Paul Celan auseinandersetzen, insbesondere in Schibboleth und In eins. Celan zeigt in diesen Texten sein politisches Engagement, indem er einen direkten Bezug zu reellen Ereignissen in Spanien in den späten 30er-Jahren, den mit ihnen verbundenen Orten und revolutionären Parolen herstellt. Er tut es nicht nur aus historischem Interesse, sondern verfolgt dabei auch das Ziel, die ihm gegenwärtige politische Situation in Europa nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs kritisch zu betrachten. Nicht minder wichtig sind auch die poetologischen Dimensionen seiner Spanien-Gedichte und die Suche nach einem adäquaten Idiom für eine politische engagierte Lyrik. Im Hintergrund der Erörterungen wird auch eine intime intertextuelle Ralation zwischen Celans Gedichten und den Texten und biographischen Daten von Federico García Lorca.


Rafal Pokrywka
Uniwersytet Kazimierza Wielkiego
Gattungstheorie und neue Technologien im 21. Jahrhundert
Es wird angenommen, dass die Durchsetzung neuer Technologien im 21. Jahrhundert zur Erscheinung neuer Gattungen führt und dass sich damit das gattungsstiftende Potenzial der neuen Technologien ausschöpft. Es kann nicht bestritten werden, dass neue Gattungen (Forum, Blog, Tweet) für die Kommunikations- und Medientheorie beinahe eine Revolution darstellen. Für die Literaturwissenschaft scheint jedoch der mediale Wandel nicht so wesentlich, da die durch ihn provozierten Gattungen (wie die Hyperfiction oder der E-Mail-Roman) eher eine Randexistenz in Gattungsklassifikationen führen. Was dabei übersehen wird, ist der Einfluss der neuen Technologien und demzufolge der neuen Medien auf das Verständnis der Gattung sowie Methoden der Gattungsforschung. In erster Linie handelt es sich hier um die Etablierung der Computerphilologie, die mit Hilfe von entsprechenden Algorithmen bestehende Gattungsklassifikationen von Texten begründen oder widerlegen kann. Des Weiteren lassen sich individuelle und kollektive Gattungszuschreibungen dank ihrer Präsenz im Internet verzeichnen und besser untersuchen. Intensivere und immer weniger professionelle Diskussionen um die Gattung sowie Kriterien der Gattungszuschreibung werden vor allem durch Anzahl der Akteure motiviert, die voneinander wissen, sich selbst kommunizieren, ihre Meinungen formulieren und verbreiten können, ohne traditionelle kulturelle "Gatekeeper" zu beanspruchen. Zur Verdichtung des gattungsorientierten Diskurses trägt auch die Popularität der Wikipedia und anderer nichtprofessioneller Nachschlagequellen bei. Nicht zu übersehen sind auch Instanzen der Literaturvermittlung und Werbung, vor allem das Verlagswesen mit seinem Instrumentarium der Gattungsgestaltung, das bereits auf der Ebene der meinungsbildenden Paratexte zum Vorschein kommt. Der konventionellen, kommerziell bedingten Gestaltung entspricht auch die Tendenz, konventionell, d.h. im Rahmen vorgegebener Regeln zu schreiben, besonders sichtbar in der sog. Fanfiction, die Gattungen schematisiert, verfestigt und multipliziert. Die Popularität der "genre fiction" spiegelt sich, wenn auch langsam, in der Schulbildung wider - auch eine Konsequenz der medialen Verbreitung von Texten und Kommentaren. Zu fragen ist schließlich, in welchem Maße die E-Books das Gattungsverständnis beeinflussen und gängige Zuschreibungen modifizieren. Das wachsende literaturwissenschaftliche Interesse am Medium E-Book sowie an diesbezüglichen Lesekulturen bestätigt, dass es sich in diesem Fall nicht nur um bloße Übertragung des Textes in ein anderes Format handelt. Im Fazit soll die Frage gestellt werden, inwieweit die zu erwartende Revision und Relativierung des Gattungsbegriffs den literaturwissenschaftlichen Diskurs modifizieren kann, der im 21. Jahrhundert immer noch größtenteils von terminologischen und definitorischen Spekulationen beherrscht ist.


Berta Raposo
Universitat de València
Zauberland und Hölle. Spanien bei deutschen Spätromantikern
Seit Johann Gottfried Herder mit seinen Bearbeitungen spanischer Romanzen und seiner Cid-Nachdichtung die Aufmerksamkeit der deutschen Klassik und Romantik auf dieses Land lenkte, hatte sich ein Spanienbild entwickelt, das hauptsächlich auf literarische Modelle zurückging und mit dem realen Land fast nichts zu tun hatte. Das änderte sich langsam in der Zeit der napoleonischen Kriege, vor allem im Zusammenhang mit dem Unabhängigkeitskrieg. In der Spätphase der Romantik war Spanien u. a. dank einer größeren Anzahl von Reise- und Kriegsberichten kein so unbekanntes Land wie zu Herders Zeiten. Die nach wie vor beliebte Rezeption von Stoffen und Motiven aus der spanischen Literatur verband sich dann manchmal mit der Verarbeitung aktueller Themen aus ebendiesem Land, trotz der vermeintlichen oder tatsächlichen Weltenrücktheit der Romantik. Gegenstand meines geplanten Beitrags ist die Einbeziehung der spanischen Welt in Hoffmanns und Eichendorffs Erzählungen, sowie in Chamissos Lyrik, um zu zeigen, wie dieses dichterische Bild aus der Vergangenheit ("Zauberland" in Herders Sprachgebrauch) mit der zeitgenössischen Wirklichkeit ("Hölle") verknüpft wurde.


Francisca Roca Arañó
Universitat de les Illes Balears
Der Schmelztiegel de Marte Brill. Exilio, pérdida y el crisol como metáfora de la esperanza en un mundo nuevo
La novela autobiográfica "Der Schmelztiegel" aglutina los recuerdos y vivencias de Marte Brill (1894-1969) desde su partida de Alemania en 1933, en las estaciones de paso que fueron Mallorca y Florencia, hasta los primeros tiempos de su llegada a Brasil y la aceptación de este país como su nuevo hogar. La novela de Brill ocupa un lugar único en la literatura alemana del exilio en Brasil, diferenciándose de la obra de otros escritores alemanes. Stefan Zweig en "Brasilien" (1941), Frank Arnau en "Der verchromte Urwald" (1956) o Richard Katz en "Begegnungen in Rio" (1954) y "Mein Inselbuch" (1950), por poner algunos ejemplos, escribieron sobre Brasil, su historia y sus posibilidades futuras, sus impresiones y vivencias allí, en obras más bien de carácter ensayístico. Brill, en cambio, elige la novela como medio para prestar su voz a los apuros de la vida cotidiana de los expatriados. Alteridad y desarraigo son el trasfondo sobre el que se construye el relato. Se expone así la eterna lucha de los exiliados judíos por encontrar un refugio y aprender a vivir en un lugar que no es el suyo. Analizaremos cómo la autora, utilizando sus propias experiencias personales, retrata su esfuerzo, su miedo, sus sueños y su coraje, y cómo la novela articula la mirada en tránsito de un mundo a otro, que es el centro de gravedad de la historia de este grupo de emigrantes enfrentado a la inminente disolución de su universo y el proceso de adaptación a uno nuevo.


Ina Schenker
Universität Bremen
Grenzüberschreitungen in Forschung und Lehre: Perspektiven einer transnationalen Literaturwissenschaft
Die Literaturwissenschaften haben sich in den letzten Jahrzehnten in einer Spirale von Turns befunden. Diese lösten theoretische Dynamiken und Grenzüberschreitungen aus, die neue und spannende Herausforderungen für die konkrete literaturwissenschaftliche Arbeit mit sich bringen. Im Vordergrund steht zumeist die Frage, was diese Theoretisierungswellen für die Arbeit an Texten bedeuten. Seltener wird gefragt, wie dergleichen Grenzüberschreitungen auch in den Forschungsmodus selbst und in nächster Konsequenz in die Lehre übertragen werden können. Dieser Beitrag geht somit von der Frage aus, wie sich literaturwissenschaftliche Forschung und Lehre gestalten kann, die diese sprachlichen und kulturellen Dynamiken, Bewegungen und Grenzüberschreitungen nicht nur theoretisiert, sondern tatsächlich komplementär praktiziert. Wie können darüber hinaus Studierende ausgebildet werden, die vor dem Hintergrund dieser Ansätze nicht nur in der Forschung, sondern auch in der außeruniversitären beruflichen Praxis von vielseitigen Grenzüberschreitungen profitieren? Fragen, die besonders den wissenschaftlichen Nachwuchs mit Hinblick auf die eigene disziplinäre Verortung oder Entgrenzung betreffen. Das Konzept, welches der Vortrag in den Blick nimmt, basiert dabei auf dem Paradigma der Transnationalität. Transnationalität ist insbesondere seit der Phase der beschleunigten Globalisierung ein zentrales Phänomen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Darüber hinaus ist Transnationalität wichtiges Paradigma aktueller Gegenwartskunst und artikuliert sich in den unterschiedlichsten Medientexten: Grenzüberschreitungen sind transnationale Phänomene par excellence. Der Entwurf einer transnational fokussierten Literaturwissenschaft greift das im Präfix "trans" sich artikulierende Moment von Bewegung, Grenzüberschreitung und Dynamik auf und macht es in die verschiedensten Richtungen fruchtbar. Sprachliche und kulturelle Alterität, Transmedialität sowie die Komplementarität wissenschaftlich-textzentrierter und praktischer, performativ-künstlerischer Reflexion stehen im Zentrum. Die Bewegungsrichtung ist dabei stets eine wechselseitige. Aus der Theorie kommende Überlegungen werden in die praktische Arbeit getragen und Erkenntnisse aus dem praktischen Arbeiten fließen zurück in die theoretisierende Forschung. Diese Grenzüberschreitungen bleiben nicht ohne Konsequenzen und Herausforderungen für Studierende, Forschende und Lehrende und bedürfen einer Reflexion, der mit diesem Vortrag ein möglicher Impuls gegeben werden soll.


Isabel Serra Pfennig
Universidad Autónoma de Madrid
Nuevas tecnologías y nuevos retos en la traducción científico-técnicas
A pesar de que la lengua que más se traduce en el ámbito científico-técnico sea del inglés, en los últimos años, también las traducciones científico-técnicas del alemán han incrementado su demanda sobre todo en el campo de las ingenierías. Como se ha estudiado, posiblemente una de las características del lenguaje especializado sea la precisión es por ello que el traductor tendrá que enfrentarse a un reto y aplicar un determinado léxico especializado, para ello dispone de nuevas tecnologías que le ayudarán a llevar a cabo su trabajo de forma correcta y adecuada. La finalidad de las traducciones científico-técnicas van dirigidas a un público especializado y la mayoría de las veces son por motivos de necesidad laboral o también por interés personal. Son textos muy objetivos puesto que se aplican a un contexto determinado.


Lorena Silos Ribas
Universidad de Alcalá de Henares
Dialogizität und Mobilität: Erinnerte Bilder im Werk Erica Pedrettis
Als der Zweite Weltkrieg zu Ende kam, war die Schriftstellerin Erica Pedretti fünfzehn Jahre alt. Ihre Familie war Mitglied der deutschen Minderheit, die seit dem 12. Jahrhundert ihr Zuhause in Böhmen und Mähren - im heutigen Tschechien - gefunden hatte, und so musste sie kurz nach 1945 mit einem Rotkreuztransport in die Schweiz kommen. Trotzdem erlebte Pedrettis Familie die gewaltsame Zeit nach dem Konflikt mit: die Reaktionen ihrer Nachbarn der Familie gegenüber, die Angst vor rachsüchtigen Verhalten oder die drohende Ungewissheit der Zukunft für die deutsche Minderheit. Die Jugendjahre in Nachkriegsmähren spielen seit dem Beginn ihrer literarischen Karriere eine zentrale Rolle im Werk Pedrettis, aber erst in ihrem Text Engste Heimat erzählen die erinnerten Bilder konkret die Geschichte, die in den ersten Erzählungen nur ansatzweise angedeutet wurde. Somit stellen sie einen mit der Vergangenheit unterbrochenen Dialog dar, der auf einer Rückreise in die Kindheit bzw. in die Heimat verortet wird.


Oliver Strunk
Universitat de Barcelona
Interkulturelle Kommunikation Live: InCriT - Follow up
Im Rahmen des Forschungsprojekts InCriT, Incidentes críticos en la interacción transcultural aleman-español/catalan, FFI2015-70864-P (MINECO/FEDER), werden Critical Incidents in der Kommunikation zwischen spanischen und deutschen Muttersprachlern untersucht, jene Momente in der Kommunikation, in denen die Deutung zwischen Sprechern aus kulturellen Unterschieden voneinander abweicht und die mindestens für einen der Teilnehmer emotional bedeutend sind. Die Erhebung der Daten für das Projekt erfolgt einerseits anhand von Beobachtungen und Gruppendiskussionen, in denen Critical Incidents im Moment ihres Auftretens erhoben werden. Andererseits werden Daten über strukturierte Interviews gesammelt, in denen der Interviewer gezielt nach Critical Incidents fragen kann und die es dem Sprecher ermöglichen, seine eigenen Erfahrungen im darzustellen. Beide Instrumente zur Datenerhebung sind nicht unumstritten, da im Falle der Beobachtung und Gruppendiskussion das Vorhandensein der Aufnahmegeräte einen verzerrenden Effekt haben kann und der Forscher eventuell auftretende Critical Incidents nicht immer erkennen muss. Bei den Interviews hingegen führt die zeitliche Distanz zum Erlebnis hingegen dazu, dass weiter in der Vergangenheit liegende Erfahrungen hinter kürzlich erlebten Ereignissen zurückfallen und durch wiederholte Reinterpretationen der emotional geladenen Episode verfälscht werden. Beide Unzulänglichkeiten könnten reduziert werden, indem der Betroffene selbst kurze Zeit nach dem Critical Incident seine Erfahrung aufzeichnet. Somit trägt er im Falle der Observationen und Diskussionen selber zur Identifizierung der Critical Incidents bei und verfälscht seine eigene Erinnerung nur minimal aufgrund des geringen Zeitabstands zum Erlebnis. Mit diesem Ziel wurde Follow Up entwickelt, eine mobile App, die es dem Benutzer ermöglicht, eine Erfahrung kurz nach dem Ereignis tagebuchartig als Video aufzuzeichnen. Dabei wird der Benutzer in vier Schritten durch eine festgelegte Struktur geführt, die die relevanten Punkte für die Erforschung berücksichtigt: Information zum Kontext der Situation, den Teilnehmern, der Beschreibung des Geschehenen und der Deutung des Benutzers. Die aufgenommene Datei wird dann vom mobilen Gerät aus hochgeladen und steht anschließend den Forschern zur Verfügung. Entsprechend anonymisiert und bearbeitet können die beschriebenen Situationen dann mit der critical incident technique weiter verwendet werden. Der Prozess des aktiven Reflektierens über die Situation ist aber auch für den Teilnehmer bereichernd, der so seine Erfahrung positiv verarbeiten kann.


Anne Sturm
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Border, Borderscape und Bordering Practices in den Erstlingswerken von Dimitré Dinev und Ilija Trojanow
Mit dem borderscape wurde u.a. von Prem Kumar Rajaram, Carl Grundy-Warr, Elena Dell'Agnese und Chiara Brambilla ein Konzept entwickelt, das Grenzräume als Resultat von Interpretationen und Re-Interpretationen, die ihrerseits historisch und kulturell beeinflusst sind, beschreibt. Damit einher geht eine Ästhetik der Grenze, die diese als multidimensionalen, performativen und dezidiert politischen Prozess in den Blick nimmt und darüber hinaus den Standpunkt des Betrachters zu reflektieren in der Lage ist. Als ein Verfahren, das ursprünglich zur Beschreibung geopolitischer und kulturgeographischer Prozesse entworfen wurde, erweist sich borderscaping im literaturwissenschaftlichen Kontext als vielfach anschlussfähig. So macht Literatur einerseits auf die ihr eigene Art und Weise Grenzen und deren Überwindung oder Nichtüberwindung für den Leser erlebbar. Die inhaltliche Gestaltung von Entgrenzung findet dabei häufig in analoger Weise durch Verfahren formaler Grenzüberschreitung, wie beispielsweise dem Einsatz von Intertextualität oder Oralität, statt. Andererseits wirkt Literatur als Versuchsfeld von Utopien und Anti-Utopien selbst als bordering practice, auch wenn sie auf inhaltlicher Ebene Grenzen dekonstruiert. Literatur ist damit als kulturelle Praktik aktiv an der performativen Erschaffung von Grenzen beteiligt. Anhand der beiden Erstlingswerke von Dimitré Dinev und Ilija Trojanow, die sich thematisch und formal mit den Konstitutionsbedingungen von Grenzen auseinandersetzen, sollen die soeben beschriebenen Aspekte beispielhaft nachvollzogen werden.


Irene Szumlakowski Morodo
Universidad Complutense de Madrid
Redundanz bei der Beschreibung der Fortbewegung in der vertikalen Achse im Deutschen und im Spanischen
Die unterschiedliche Darstellung der Bewegung in der Spanischen und in der Deutschen Sprache zeigt sich auch in der Fortbewegung innerhalb der vertikalen Achse. Wo das Spanische Verben wie subir/bajar oder ascender/descender hat, gebraucht das Deutsche meistens Präfigierungen wie hinauf-/hinabsteigen oder herauf-/heruntergehen. Nach der Klassifizierung von Talmy und Slobin in Satellite-framed Sprachen (Deutsch) und Verb-framed Sprachen (Spanisch) haben beide Sprachen unterschiedliche Mitteln, um den "Weg" (PATH) der Fortbewegung auszudrücken. Uns interessieren in diesem Beitrag Sätze mit zwei Elementen, die sich auf diesen Weg beziehen, was man als "Redundanz" deuten könnte, wie zum Beispiel "subimos allá arriba" und wie diese Ausdrücke auf Deutsch wiedergegeben werden. Grund dieser Analyse sind Belege aus dem Corpus PaGes, was aus deutschen und spanischen Texten mit ihren jeweiligen Übersetzungen besteht.


Irina Ursachi
Universidad de Alcalá de Henares
Das kollektive und individuelle Trauma. Das Symptom des Schweigens in Elfriede Jelineks Roman Gier. Ein Unterhaltungsroman
In ihrem zweiten, nach einer Todsünde benannten Roman Gier. Ein Unterhaltungsroman (2000) schildert Jelinek die kulturellen und gesellschaftlichen Aspekte der Neunzigerjahre in Österreich, die dem Ende des Kommunismus und dem Ausbruch des Kapitalismus in Osteuropa entsprechen, als eine Konsequenz des vom Kommunismus hinterlassenen kulturellen Traumas. Der politische und ökonomische Wandel der Neunzigerjahre, sowie seine Verbindung mit der Aktualität des Jahres 2000 im Text dienen der Aufzeichnung und a-posteriori-Analyse der traumatischen Aspekte der fiktiven Gesellschaft in Gier, die bis dato im Rahmen der Jelinek-Forschung noch nicht untersucht wurden. Der Beitrag umfasst die Analyse von Jelineks Roman in Bezug auf die Umbrüche im politischen und sozialen Kontext, in dem er geschrieben wurde, sowie die Identifizierung aller im Text bestehenden kollektiven traumatischen Aspekte. Es soll untersucht werden, ob das kollektive Trauma in Jelineks Roman einer "Gefühlsansteckung" (Freud) entspricht und, ob das individuelle Trauma auf die Gesellschaft und umgekehrt, vom Kollektiv auf das Individuum, übertragen wird. Alle Romanfiguren bewahren das Schweigen und verschweigen die Verbrechen in ihrer fiktiven Gesellschaft als einen Ritus. Eine spezielle Aufmerksamkeit wird dem Schweigen-Symptom und der Latenzphase vor dem Ausbruch des Traumas innerhalb der Romananalyse unter Einbeziehung psychoanalytischer und zeitgeschichtlicher Theorien gewidmet. Im Zusammenhang mit dem Schweigen werden außerdem die im Roman dargestellten Wasserlandschaften (Baggersee und Toplitzsee) als "lieux de mémoire" (Pierre Nora) oder als "non-lieux de mémoire" (Claude Lanzmann) analysiert.


Begoña Velasco Arranz
Universitat de les Illes Balears
Elaboración de una herramienta de evaluación y análisis de software para el aprendizaje de la lengua alemana en grupos mixtos de alumnado
En base a un fundamento teórico sobre el uso y evaluación de software educativo para idiomas se pretende desarrollar una herramienta que evalúe y analice los materiales digitales para el aprendizaje individualizado del idioma alemán como segunda lengua. Con la globalización la enseñanza y aprendizaje de los idiomas ha cambiado de forma notoria. El deber de los centros educativos es preparar a los alumnos para la nueva sociedad de la información, enseñándoles a usar las tecnologías como herramientas de aprendizaje (Adell, Jordi; Castañeda, 2012). La situación en las aulas ha cambiado y conviven alumnos que presentan necesidades provocadas por diversos factores (idioma, cultura, diversidad de alumnado, etc.).Son necesarios cambios curriculares y una adaptación individualizada y única para cada alumno. La adaptación no afecta solo en cómo enseñar sino en la metodología que se ha de emplear y en la selección de actividades o materiales que favorezcan la integración de los alumnos (Ortega Martín, 2004). Las TIC constituyen una gran oportunidad para el fomento de la autonomía en el aprendizaje de un idioma extranjero (Burbat, 2016). Y los materiales didácticos desempeñan un papel importante. La utilización de contenidos digitales de buena calidad no solo enriquece sino también ayuda en el proceso de aprendizaje (Morrissey, 2008). Aplicando el fundamento teórico, la herramienta será desarrollada sobre una serie de criterios de evaluación de aspectos didácticos (contenidos, objetivos, actividades, controles, material complementario), pedagógicos (motivación, interactividad, interés, creatividad) y lingüísticos (destrezas necesarias para superar el nivel de idioma.) Las necesidades de alumnos y profesores se van a contrastar a través de entrevistas y cuestionarios. La herramienta desarrollada se validará a través de un control por un panel de expertos y se aplicará de forma ejemplar.


Johanna Vollmeyer
Universidad Complutense Madrid
"Flucht, Exil und Zerstörung der Person" als literarisches Programm - die Entfremdung vom Selbst in Abbas Khiders Roman Ohrfeige
Abbas Khider (*1973, Bagdad) floh, nachdem er wegen politischer Aktivitäten inhaftiert und gefoltert worden war, nach Jordanien und Libyen und erhielt schließlich 2000 in Deutschland Asyl. Hier begann er auch seine literarische Laufbahn und veröffentlichte bislang vier Romane, als letzten "Ohrfeige" (2016). Nachdem er sich in seinen Romanen zunächst mit politischer Verfolgung auseinandersetzte, befasst er sich in "Ohrfeige" mit den Ängsten von Asylbewerbern in Deutschland, die sich mit einer oft inhumanen Bürokratie konfrontiert sehen. Das Schreiben auf Deutsch erlaubt es ihm dabei, eine gewisse Distanz zu den thematischen Inhalten herzustellen und sich mit Begriffen wie "Heimat" und "Fremde", dem "Eigenen" und dem "Anderen" teils auf ironische Art auseinanderzusetzen. "Der Andere" dient dabei häufig als Reflektor, der es erlaubt, sich selbst zu bespiegeln und das verlorengegangene Selbst zu reflektieren. Identität und deren (In-)Stabilität spielen in Khiders Roman also eine herausragende Rolle. Anhand seines Romans soll veranschaulicht werden, welche Mechanismen bei der Herausbildung von Identität greifen, welche Rolle dabei "der Andere" spielt und inwiefern das Fremde Teil der eigenen Identität ist, wie das Theodor W. Adorno bereits in der Negativen Dialektik konstatiert. Deutschland bildet dabei die Kontaktzone für dieses Aufeinandertreffen von Eigen und Fremd, was Khider nutzt, um eine Art "counter-narrative of the nation" (Homi Bhabha) zu entwerfen, die die Stabilität und Homogenität von kollektiver Identität und Nationendiskursen hinterfragt. In diesem Zusammenhang sollen die literarischen Darstellungsmittel untersucht werden, die bei Khider zum Einsatz kommen und der Frage nachgegangen werden, inwiefern das zunehmende Aufeinandertreffen von als "eigen" und als "fremd" Definiertem Auswirkungen auf die narrativen Strategien in fiktionalen Texten, wie dem Khiders, haben kann.


Gudrun Wedel
Freie Universität Berlin
Schriftstellerinnen in analogen und digitalen Netzwerken
Auf der Basis eigener Erfahrungen mit dem Aufbau eines Korpus von publizierten Autobiographien von Frauen wird es darum gehen, welche neuen Möglichkeiten und Herausforderungen die Digitalisierung und das Internet für germanistische Forschungen bedeuten. Am Beispiel einiger Datenbanken wie DaSinD online (Datenbank Schriftstellerinnen in Deutschland, Österreich, Schweiz 1945-2008), NEWW VRE (New approaches to European Women's Writing Virtual Research Environment) oder UeLEX (Germersheimer Übersetzerlexikon) lässt sich zeigen, wie unterschiedlich Daten erfasst und verarbeitet werden und wie das ihre Verwendbarkeit beeinflusst. Von einer biographischen Perspektive ausgehend wird dabei der Genderaspekt im Zentrum stehen, denn noch immer sind zahlreiche Schriftstellerinnen, ihre Werke und ihre Rezeption kaum bekannt. Das hängt unter anderem auch damit zusammen, dass die vielfältigen und historisch variierenden Möglichkeiten der Verwendung von Namen bisher noch unzureichend datentechnisch umgesetzt werden. Um Probleme dieser Art zu lösen und digitale Forschung ganz allgemein zu unterstützen, ist die interdisziplinäre und transnationale Infrastruktur DARIAH-EU entwickelt worden. Ihre 2017 neugegründete Arbeitsgruppe WWIH (Women Writers in History) wird sich vor allem mit Gender-Fragen befassen und neue Kooperationen anbahnen.


Ewa Wojaczek
Uniwersytet Gdanski
Sprachliche Abkürzungen als eine der Folgen der Welt- und Sprachendigitalisierung
Die Sprache ändert sich ständig und unterliegt den gleichen Prozessen wie unser Leben überhaupt. Aus Zeitgründen sowie finanziellen Gründen werden immer öfter sehr viele sprachliche Abkürzungen gebraucht, was am deutlichsten in den Mails, Sms oder Werbetexten zu sehen ist. Die zwei erstgenannten Textformen sind Paradebeispiele für die Sprachendigitalisierung, die das Thema meines Vortrags ist. Für all diese Textformen muss man immer je nach deren Länge einen entsprechenden Betrag zahlen. Daher versuchen die Autoren jener Texte sich so kurz zu fassen, um das Wichtigste für wenig Geld in diesen Texten zu vermitteln. Demzufolge betreffen die dortigen Abkürzungen meistens allgemein bekannte Begriffe, während die wichtigsten Tatsachen in vollem Klang geschrieben warden


Simge Yilmaz
Ege Üniversitesi
Vom Bücherregal auf die Online-hotlist: Bestsellers, Leserreaktion und Schwellenüberwindung
Ziel des Beitrags ist, die Leserbeteiligung im Internet zu untersuchen. Dabei wird die Hotlist mit den gleichzeitigen Bestsellerlisten verglichen, um den Unterschied zu bewerten. In den Schlussbetrachtungen des Beitrags wird ebenfalls die Position der übersetzten Literatur berücksichtigt, damit die Sichtbarkeit der übersetzten Literatur bei einem verlegerorientierten Wettbewerb auf dem Online-Buchmarkt überprüft wird.